Eines für alle
Das TALISMAN in Ottakring ist beides: Institution und (noch) Geheimtipp zugleich. Das liegt einerseits an der etwas versteckten Lage ums Eck von der Thaliastraße. Zum anderen daran, dass Wirt Nešo nicht groß die Werbetrommel rührt. Er mag es gerne überschaubar. Dass dennoch immer mehr junge Leute vom nahen Yppenplatz kommen, freut ihn aber schon.
Es gibt gute Indie-Musik vom Band. Manchmal greift jemand spontan zur Gitarre. Einmal im Monat wird kostenlos aufgekocht: Miesmuscheln busara, Karpfen- oder Gulaschsuppe. Es Gibt Starobrno oder Reininghaus vom Fass, kroatischen Sljivo oder slowenischen Borovničke (Heidelbeerschnaps) aus tiefgekühlten Gläsern und weißen Zlahtina (sprich: Schlachtina) von Nešos Heimatinsel Krk. Der Espresso ist übrigens auch sensationell.
Nešo über…
…sich: Das Talisman war eigentlich nie mein Plan. Ich hatte bereits im Service gearbeitet, unter anderem acht Jahre im Palmenhaus und danach in Restaurants. Ein guter Freund brauchte Hilfe und ich bin eingesprungen. Zunächst haben wir das Lokal zu zweit geführt.
Nach zwei oder drei Jahren ist mein Geschäftspartner ausgestiegen und ich bin geblieben. Seitdem entscheide ich allein. Das ist in manchen Dingen leichter, weil man bei Investitionen und Veränderungen nicht erst zwei unterschiedliche Vorstellungen zusammenbringen muss.
… das Konzept: Mein wichtigstes Konzept ist, dass alle kommen können – unabhängig von Alter, Herkunft oder Beruf. Hier treffen Künstlerinnen und Künstler auf Bauarbeiter, Elektriker, Studierende oder Menschen aus der Politik. Frauen und Männer, jüngere und ältere Gäste sitzen miteinander im selben kleinen Lokal.
… das Wohnzimmer: Ich wollte immer eine Wohnzimmeratmosphäre schaffen. Die Gäste sollen sich wie zu Hause fühlen und niemand soll schief angeschaut werden. Weil das Lokal klein ist, lernt man schnell andere Menschen kennen und kommt miteinander ins Gespräch.
… den Wohlfühlfaktor: Viele Gäste kommen genau deshalb regelmäßig. Manche haben sehr lange nach einem Stammbeisel gesucht und im Talisman schließlich eines gefunden. Für mich ist das ein gutes Zeichen: Die Leute kommen nicht nur wegen eines bestimmten Getränks, sondern weil sie sich hier wohlfühlen.
… das Original: Ein Wiener Beissl muss für mich auch optisch etwas von seinem alten Charakter bewahren. Im Talisman stehen Möbel, die rund 40 Jahre alt und noch immer in einem sehr guten Zustand sind.
Während der Coronazeit haben wir ein wenig renoviert und dem Lokal unseren eigenen Touch gegeben. Dabei war mir aber wichtig, den alten Flair nicht zu zerstören. Das Talisman soll nicht plötzlich wie ein komplett neues, austauschbares Lokal aussehen.
… Musik: Die Musik gehört wesentlich zum Talisman. Es läuft eine Mischung aus Rock, Blues, Elektronik und vielen anderen Richtungen. Gäste sagen mir immer wieder, dass ihnen die Musik besonders gut gefällt.
… und Getränke: Auch bei den Getränken geht es nicht darum, eine riesige Auswahl anzubieten. Das, was wir haben, soll qualitativ passen. Die Kombination aus guter Musik, guten Getränken und der entspannten Atmosphäre macht das Lokal aus.
… Kostenlos kochen: Einmal im Monat koche ich kostenlos für meine Gäste – und das mache ich schon seit rund zehn Jahren. Das Essen gibt es, solange etwas da ist. Die Stammgäste wissen darüber Bescheid, außerdem kündigen wir den Termin über Facebook und Instagram an.
… Miesmuscheln: Je nach Jahreszeit gibt es unterschiedliche Gerichte. Häufig mache ich Muscheln, in den Wintermonaten beispielsweise Gulasch oder Karpfensuppe. Es geht dabei nicht um ein gastronomisches Zusatzgeschäft, sondern darum, gemeinsam zu essen und den Gästen etwas zurückzugeben.
… Off-Style: In letzter Zeit kommen viele neue und auch viele jüngere Menschen. Ich glaube, dass sie Orte suchen, die echt wirken. Das Talisman ist kein durchgestyltes Konzeptlokal und soll auch keines werden.
Mir wäre am liebsten, es bliebe ein angenehmer Geheimtipp. Ganz geheim ist es wahrscheinlich nicht mehr, weil die Gäste anderen davon erzählen. Solange die Atmosphäre so bleibt, wie sie ist, ist das aber etwas Schönes.
… die Pension: Ich arbeite gerne hier, weil ich jeden Tag von guten Leuten und guter Musik umgeben bin. Trotzdem braucht man zwischendurch eine Pause. Ob ich irgendwann mit dem Talisman in Pension gehe, weiß ich nicht. Ich bin ungeplant hier gelandet – und was als Nächstes kommt, kann man nie genau wissen.