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Schlagwort: Grätzltreff

Eines für alle

Das TALISMAN in Ottakring ist beides: Institution und (noch) Geheimtipp zugleich. Das liegt einerseits an der etwas versteckten Lage ums Eck von der Thaliastraße. Zum anderen daran, dass Wirt Nešo nicht groß die Werbetrommel rührt. Er mag es gerne überschaubar. Dass dennoch immer mehr junge Leute vom nahen Yppenplatz kommen, freut ihn aber schon. 

Es gibt gute Indie-Musik vom Band. Manchmal greift jemand spontan zur Gitarre. Einmal im Monat wird kostenlos aufgekocht: Miesmuscheln busara, Karpfen- oder Gulaschsuppe. Es Gibt Starobrno oder Reininghaus vom Fass, kroatischen Sljivo oder slowenischen Borovničke (Heidelbeerschnaps) aus tiefgekühlten Gläsern und weißen Zlahtina (sprich: Schlachtina) von Nešos Heimatinsel Krk. Der Espresso ist übrigens auch sensationell.

Nešo über…

…sich: Das Talisman war eigentlich nie mein Plan. Ich hatte bereits im Service gearbeitet, unter anderem acht Jahre im Palmenhaus und danach in Restaurants. Ein guter Freund brauchte Hilfe und ich bin eingesprungen. Zunächst haben wir das Lokal zu zweit geführt.

Nach zwei oder drei Jahren ist mein Geschäftspartner ausgestiegen und ich bin geblieben. Seitdem entscheide ich allein. Das ist in manchen Dingen leichter, weil man bei Investitionen und Veränderungen nicht erst zwei unterschiedliche Vorstellungen zusammenbringen muss.

… das Konzept: Mein wichtigstes Konzept ist, dass alle kommen können – unabhängig von Alter, Herkunft oder Beruf. Hier treffen Künstlerinnen und Künstler auf Bauarbeiter, Elektriker, Studierende oder Menschen aus der Politik. Frauen und Männer, jüngere und ältere Gäste sitzen miteinander im selben kleinen Lokal.

… das Wohnzimmer: Ich wollte immer eine Wohnzimmeratmosphäre schaffen. Die Gäste sollen sich wie zu Hause fühlen und niemand soll schief angeschaut werden. Weil das Lokal klein ist, lernt man schnell andere Menschen kennen und kommt miteinander ins Gespräch.

… den Wohlfühlfaktor: Viele Gäste kommen genau deshalb regelmäßig. Manche haben sehr lange nach einem Stammbeisel gesucht und im Talisman schließlich eines gefunden. Für mich ist das ein gutes Zeichen: Die Leute kommen nicht nur wegen eines bestimmten Getränks, sondern weil sie sich hier wohlfühlen.

… das Original: Ein Wiener Beissl muss für mich auch optisch etwas von seinem alten Charakter bewahren. Im Talisman stehen Möbel, die rund 40 Jahre alt und noch immer in einem sehr guten Zustand sind.

Während der Coronazeit haben wir ein wenig renoviert und dem Lokal unseren eigenen Touch gegeben. Dabei war mir aber wichtig, den alten Flair nicht zu zerstören. Das Talisman soll nicht plötzlich wie ein komplett neues, austauschbares Lokal aussehen.

… Musik: Die Musik gehört wesentlich zum Talisman. Es läuft eine Mischung aus Rock, Blues, Elektronik und vielen anderen Richtungen. Gäste sagen mir immer wieder, dass ihnen die Musik besonders gut gefällt.

… und Getränke: Auch bei den Getränken geht es nicht darum, eine riesige Auswahl anzubieten. Das, was wir haben, soll qualitativ passen. Die Kombination aus guter Musik, guten Getränken und der entspannten Atmosphäre macht das Lokal aus.

… Kostenlos kochen: Einmal im Monat koche ich kostenlos für meine Gäste – und das mache ich schon seit rund zehn Jahren. Das Essen gibt es, solange etwas da ist. Die Stammgäste wissen darüber Bescheid, außerdem kündigen wir den Termin über Facebook und Instagram an.

… Miesmuscheln: Je nach Jahreszeit gibt es unterschiedliche Gerichte. Häufig mache ich Muscheln, in den Wintermonaten beispielsweise Gulasch oder Karpfensuppe. Es geht dabei nicht um ein gastronomisches Zusatzgeschäft, sondern darum, gemeinsam zu essen und den Gästen etwas zurückzugeben.

… Off-Style: In letzter Zeit kommen viele neue und auch viele jüngere Menschen. Ich glaube, dass sie Orte suchen, die echt wirken. Das Talisman ist kein durchgestyltes Konzeptlokal und soll auch keines werden.

Mir wäre am liebsten, es bliebe ein angenehmer Geheimtipp. Ganz geheim ist es wahrscheinlich nicht mehr, weil die Gäste anderen davon erzählen. Solange die Atmosphäre so bleibt, wie sie ist, ist das aber etwas Schönes.

… die Pension: Ich arbeite gerne hier, weil ich jeden Tag von guten Leuten und guter Musik umgeben bin. Trotzdem braucht man zwischendurch eine Pause. Ob ich irgendwann mit dem Talisman in Pension gehe, weiß ich nicht. Ich bin ungeplant hier gelandet – und was als Nächstes kommt, kann man nie genau wissen.

Pub auf urig

Katharina ist im dritten Bezirk aufgewachsen und lebt in ihrem persönlichem Bermuda-Dreieck: Wohnung, Job als Barchefin in der Strandbar Herrmann, und dem VULSTASIE – S’STAMMBEISL. Das Eck-Beisl hat sie 2024 gemeinsam mit den Gästen übernommen und pflegt das Urige weiter: Wohnzimmer-Atmosphäre zwischen dunkel getäfelten Wänden, Feierabend-Bier. Mittlerweile kommen auch die Jungen auf der Suche nach dem Original zu Katharina.

Auch Tourist:innen vom nahen Wien Mitte verschlägt es auf der Suche nach der „uniquely blending classic Austrian pub culture“ ins Vulstasie. Wenig überraschend werden sie dort fündig. Katharinas Liebe zu Namibia steckt übrigens im Namen: Vulstasie ist Afrikaans und heißt Tankstelle.

Katharina über …

… sich: Ich bin eine richtige Wienerin, im dritten Bezirk aufgewachsen und wollte auch immer hier bleiben. Ich wohne im Dritten, mein Lokal ist im Dritten und auch die Strandbar Herrmann, wo ich seit vielen Jahren arbeite, ist im Dritten. Ich nenne das immer mein Bermuda-Dreieck.

Ich bin eher zufällig in die Gastronomie hineingerutscht. Angefangen habe ich mit einem Nebenjob während des Studiums. Aus Teilzeit wurde irgendwann Vollzeit und schließlich mein Lebensweg. Ich habe schon seit Jahren darüber nachgedacht, etwas Eigenes zu machen. 2024 war es dann so weit.

… das Vulstasie: Ich kannte das Lokal vorher gar nicht, obwohl ich wahrscheinlich schon hundertmal daran vorbeigelaufen war. Als ich es das erste Mal betreten habe, ist mir sofort das viele Holz aufgefallen. Dadurch wirkt es warm, gemütlich und urig. Besonders angetan hatten es mir auch die alten Lampen. Sie waren schon dem Vater der früheren Besitzerin sehr wichtig. Mir liegt viel daran, solche Lokale zu erhalten. Ich wollte kein modernes Konzept über das Beisl stülpen, sondern das bewahren, was den Ort ausmacht.

… den Beisl-Faktor: Ein richtiges Wiener Beisl ist für mich wie ein zweites Wohnzimmer. Man kennt einander und kann auch allein kommen, ohne wirklich allein zu sein. Manche Stammgäste besuchen das Lokal teilweise bereits seit über 40 Jahren.

Natürlich sind die Wirtin oder der Wirt wichtige Gesichter eines Beisls. Aber auch der Ort selbst entwickelt mit der Zeit ein Eigenleben. Gerade die kleine Größe macht viel aus: Man sitzt nicht anonym mit 200 fremden Menschen in einem großen, modernen Lokal, sondern kommt miteinander ins Gespräch. Und als Wirtin habe ich auch alles gut im Blick.

… das Urige: Die Gäste sind ein angenehmer, bunter Mischmasch. Der Großteil der langjährigen Stammgäste ist eher älter und es sind noch deutlich mehr Männer. Inzwischen kommen auch jüngere Menschen, Studierende und Leute aus der weiteren Nachbarschaft dazu. Ich habe den Eindruck, dass gerade Jüngere wieder verstärkt nach authentischen Orten suchen.

…Küche & Namibia: Bei mir gibt es kleinere Speisen und typisch österreichische Snacks wie Würstel oder Brettljause. Fleischlaibchen, Gulaschsuppe oder Chili von Carne bereite ich mit Gewürzen aus Namibia zu. Vor rund 20 Jahren bin ich über eine damalige Stammkundin als Au-pair nach Namibia gekommen. Die Familie dort ist zu meiner zweiten Familie und Namibia zu meiner zweiten Heimat geworden. Und das schlägt sich eben auch im Namen nieder. Vulstasie heißt Tankstelle.

Wie zu Hause

Das PAPA FREDDY’S liegt im hippen 7. Bezirk – nicht mittendrin, aber immerhin. Und es hat die Patina der womöglich ruhmreichen Vergangenheit als Café Erber, dem damaligen Club-Café für Rapidler – die vor 100+ Jahren ausschließlich männlich waren und in Anzügen herumliefen. Davon zeugt ein Foto, das Adrian von einem Stammgast bekommen hat. 

Die Wirtin aber ist Alina. Sie hat das Papa Freddy’s blutjung mit damals 21 Jahren und anfangs kaum Deutschkenntnissen übernommen. Und musste sich als Quereinsteigerin in einem Wiener Beisl behaupten, dessen Stammgäste anfangs mit ihr wenig anfangen konnten – einige zumindest. 

Heute ist das Papa Freddy’s ein verlängertes Wohnzimmer, wie es sich für ein Original Wiener Beisl gehört. Neben Stammgästen von jung bis alt gibt es auch Laufkundschaft, die auf der Suche nach Authentizität hereingespült wird. Alina und Adrian haben sich dort kennengelernt und das Papa Freddy’s auf der Rückseite ihrer Eheringe originell verewigt.

Alina über …

… das Papa Freddy’s: Meine Mutter bekam von den damaligen Besitzern den Hinweis, dass sie das Lokal abgeben wollten. Ich war damals erst 21 Jahre alt und nicht sicher, ob ich wirklich schon ein eigenes Lokal haben wollte. Ich war mit 19 nach Wien gezogen und musste zuerst Deutsch lernen. Gleichzeitig brauchte ich eine Arbeit mit flexiblen Zeiten, damit ich mich weiterbilden konnte. Also habe ich das Lokal übernommen, hier gearbeitet und nebenbei gelernt.

… den steinigen Einstig: Vor mir wurde das Lokal von österreichischen Besitzern geführt. Als die Stammgäste hörten, dass nun eine 21-jährige Frau aus Rumänien übernimmt, blieben viele zunächst weg. Nach ungefähr zwei Wochen kamen sie aber zurück und entschuldigten sich. Danach haben sie mich sehr unterstützt. Sie setzten sich mit mir zusammen, halfen mir beim Deutschlernen und passten auch auf mich auf. Das war für mich besonders wichtig, weil ich so jung war und vorher keine Erfahrung in der Gastronomie hatte.

…klare Grenzen: Gerade am Anfang musste ich sehr konsequent sein. Ich konnte nicht mit Gästen arbeiten, die mich nicht respektierten oder mir erklärten, ich sei zu jung. Deshalb habe ich einigen Menschen Lokalverbot erteilt. So habe ich mir nach und nach ein Publikum aufgebaut, mit dem ich gut arbeiten kann.

… ein klassisches Wiener Beisl: Das Papa Freddy ist ein klassisches Wiener Beisl, das es seit rund 80 Jahren gibt und in dem die Getränke im Mittelpunkt stehen. Bisher hatten wir keine Speisen. Nun möchten wir mit kleinen Snacks beginnen, etwa Würsteln oder Aufstrichbroten. Es wird aber keine umfangreiche Speisekarte geben.

Bei der Renovierung wollten wir seinen Charakter unbedingt erhalten. Wir haben nur Wände, Decken und Türen gestrichen und einige Tische und Sessel aufgearbeitet. Die alten Sitzbänke wurden lediglich neu lackiert. Auch die Bar und das alte Kühlhaus aus den 1950ern sind geblieben.

… die Gäste: Obwohl der siebte Bezirk für neue, schicke und innovative Lokale bekannt ist, funktioniert unser traditionelles Konzept sehr gut. Viele junge Leute suchen heute genau solche Orte. Wir laufen nicht jedem Trend hinterher. Gerade deshalb wird das Papa Freddy von vielen Gästen als authentisch wahrgenommen.

Zu uns kommen viele Studentinnen und Studenten, darunter auch zahlreiche Deutsche. Gleichzeitig haben wir ältere Stammgäste, die das Lokal bereits seit Jahrzehnten besuchen. Dass diese unterschiedlichen Menschen gut miteinander auskommen, ist einer unserer größten Vorteile.

Einige Gäste besuchen Wien nur einmal im Jahr und kommen trotzdem bei jeder Reise wieder zu uns. Manche verbinden das Lokal inzwischen fest mit ihrem Aufenthalt in Wien.

… den BeWirt*-Faktor: Das Schönste an der Gastronomie ist für mich, dass Menschen zusammenkommen und miteinander kommunizieren. Im Papa Freddy hat sich eine Gemeinschaft entwickelt, in der man sich gegenseitig hilft.

Wir funktionieren stark auf einer emotionalen Ebene. Die Menschen lernen einander kennen, bauen Beziehungen auf und unterstützen sich. Viele sagen, dass sie sich bei uns wie zu Hause fühlen. Genau das macht für mich ein echtes Beisl aus.

Auch meinen Mann Adrian habe ich im Papa Freddy kennengelernt. Er war damals Gast und ist geblieben. Inzwischen führen wir das Lokal gemeinsam. Auf unseren Eheringen sind die Koordinaten des Papa Freddy eingraviert. Das Lokal ist schließlich nicht nur unser Arbeitsplatz, sondern auch der Ort, an dem unsere gemeinsame Geschichte begonnen hat.

Trixi im Glück

Seit 18 Jahren lebt Trixi am Ludwig-Koeßler-Platz im Glück: zunächst im Kleinen Glück, seit acht Jahren gegenüber ZUM NEUEN GLÜCK: ein Original Wiener Tschocherl mit großer Bierauswahl, kleinen Speisen und vielen Stammgästen, die seit Jahren Trixis Gastfreundschaft schätzen.

Weil man gehen sollte, wenn es am Schönsten ist, steht Trixis Nachfolge schon fest: Franziska und Sascha werden bald übernehmen und alles beim Alten lassen – mit neuen Ideen. Was aber bleibt: ein Grätzlbeisl, wo jede:r willkommen ist, solange die Regeln des Anstands eingehalten werden.

Trixi (Mitte), Franziska und Sascha über…

… Zum neuen Glück: Das Zum neuen Glück ist ein kleines Grätzlbeisl. Trixi ist seit fast 18 Jahren hier am Platz und seit acht Jahren im Neuen Glück. Jetzt geht es langsam in Richtung Übergabe: In einem Jahr sollen Franziska und Sascha übernehmen. Der Name bleibt, und genau das ist wichtig. Es soll weitergehen.

… die Übergabe: Für uns ist der Reiz, dass das Lokal schon eine Geschichte und eine Stammkundschaft hat. Es ist kein Ort, den man komplett neu erfinden muss. Viele Gäste kennen wir schon, viele wohnen in der Gegend. Es ist familiär, und genau das macht die Arbeit schön. Man kommt nicht einfach nur in einen Job, sondern in ein Umfeld, das schon lebt.

… Sascha: Ich bin gelernter Schlosser und arbeite schon lange in meinem Beruf. Im Lokal habe ich zuerst eher nebenbei angefangen, an Wochenenden. Aber es hat mir Spaß gemacht: mit den Leuten reden, sie wiedersehen, Teil von dieser Familie werden. Für mich ist das Arbeit, die sich nicht nur wie Arbeit anfühlt.

… das Grätzlbeisl: Rundherum sperrt viel zu, und genau deshalb ist es wichtig, dass solche Orte bleiben. Ein kleines österreichisches Beisl, ein Lokal fürs Grätzl, wo man einander kennt und wo man einfach hingehen kann. Es geht nicht darum, jedem Trend nachzulaufen. Es geht darum, ein zweites Wohnzimmer zu sein.

… Familie: Unsere Hymne ist frei nach Peter Alexander: „Wir sind eine große Familie“. Das trifft es ziemlich gut. Natürlich braucht ein Lokal auch neues Publikum, nur von Stammgästen allein kann man auf Dauer nicht leben. Aber der Kern bleibt: Die Leute sollen sich kennen, miteinander reden und sich wohlfühlen. Die Familie soll größer werden, nicht verschwinden.

… neue Ideen: Es soll weiterhin klassisch und gemütlich bleiben, aber es darf auch neue Dinge geben. Im Winter funktionieren zum Beispiel 80er- und 90er-Partys gut. Auch der Gastgarten wird wichtig bleiben. Wir wollen das Lokal nicht verbiegen, aber schon schauen, was zu uns passt und was die Leute gerne annehmen.

… Willkommen sein: Bei uns ist jede:r willkommen, solange man sich benimmt. Es ist egal, woher jemand kommt oder wer jemand ist. Wenn man sich respektvoll verhält, passt es. Wenn nicht, ist man schneller draußen, als man glaubt. Das ist wie daheim: Wenn sich jemand nicht benehmen kann, lässt man ihn auch nicht in der Wohnung.

… Sicherheit: Uns ist wichtig, dass sich alle wohlfühlen können, auch Frauen und Damengruppen. Wenn jemand eine Grenze überschreitet, wird eingeschritten. Zuerst versucht man zu schlichten, aber wenn es nicht anders geht, muss jemand raus. Es soll kein Ort sein, an dem jemand angepöbelt oder belästigt wird.

… die Stammgäste: Viele wissen selbst, wann es genug ist. Manche sagen dann: Ich habe schon zu viel, ich gehe lieber. Das gehört auch zu so einem Familiengefühl. Man kennt einander, man spürt die Grenzen und weiß, wie weit man gehen kann. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber grundsätzlich sind die Gäste gemütlich.

… Bargeld: Bei uns gibt es nur Bargeld. Kartenzahlung hatten wir einmal, aber bei kleinen Beträgen hat sich das nicht ausgezahlt. Gerade wenn wenig konsumiert wird, bleibt am Ende zu wenig übrig. Deshalb ist es wichtig, dass die Gäste wissen: Bitte Bargeld mitnehmen.

… Essen: Eine große Küche gibt es nicht. Es gibt kleine Speisen, die gut vorbereitbar sind – zum Beispiel Würstel oder Toast. Es geht nicht um ein großes Speisenkonzept, sondern um das, was zu einem Beisl passt: unkompliziert, aber gut.

… den Gastgarten: Der Platz draußen ist schön, und der Gastgarten soll auf jeden Fall eine Rolle spielen. Gleichzeitig muss man natürlich auf die Nachbarschaft schauen. Musik und Lautstärke sind ein Thema, da braucht es Fingerspitzengefühl. Es soll lebendig sein, aber so, dass es funktioniert.

… Musik: Musik gehört dazu, aber sie muss zum Lokal und zu den Gästen passen. Man kann fragen, was die Leute gern hören, und dann schauen, was funktioniert. Es muss nicht ein fixes Programm sein. Wenn Schlager passt, dann passt Schlager. Wenn gemischte Musik besser funktioniert, dann wird es gemischt.

… die Zukunft: Das Zum neuen Glück soll bleiben, was es ist: ein familiäres Grätzlbeisl. Gleichzeitig darf es sich weiterentwickeln. Es geht darum, den Charakter zu erhalten und trotzdem offen zu bleiben für neue Gäste, neue Ideen und die nächste Generation.

Big Mama

Das MMM ESPRESSO ist eine Institution. Und zwar nicht erst, seit die Beisl-Szenen des Films „Rickerl“  hier gedreht wurden – mit dem legendären Voodo Jürgens in der Hauptrolle. Ab den 1990ern war das MMM Anlaufstelle für Leute aus dem früheren Jugoslawien. Seit einigen Jahren stoßen Studierende vom nahen Yppenplatz dazu – angelockt von den Preisen, der urigen Atmosphäre und der Gastfreundschaft von Wirtin Svetlana. 

Eigentlich kommen alle wegen ihr. Svetlana ist die Seele des Lokals. „Es liegt mir im Blut“, sagt sie. Mittwochs gibt es Karaoke, am Wochenende Live-Musik. Sonntags wird für Gäste umsonst gekocht. Und Šljivo aus Serbien gibt es auch. Dass nicht zu viel geschnapselt wird und womöglich noch Politik ins Spiel kommt, darauf schaut Big Mama Svetlana schon. Es gibt schließlich schönere Themen.

Und falls Voodo Jürgens wieder einmal im MMM vorbeischauen oder spielen wollte: Er ist jederzeit herzlich willkommen!

Svetlana über…

… das MMM Espresso: Ich bin Svetlana und arbeite hier allein. Ich bin Chefin, Kellnerin, mache eigentlich alles. Mein Mann hat zuerst ein Lokal beim Westbahnhof übernommen, später kam das MMM dazu. Das MMM gibt es schon viel länger, dieses Jahr seit 40 Jahren. Wir haben es vor fünf Jahren übernommen, im November feiern wir also beides: 40 Jahre MMM und fünf Jahre mit uns.

… den Namen: MMM kommt noch von früher. Die frühere Chefin hieß Mitra, dazu kamen Miki und Mirko, deshalb MMM. Der Name ist bekannt, deshalb haben wir ihn gelassen. Lustig ist: In meiner Familie gibt es auch viele Namen mit M. Meine Söhne heißen Marco und Milan, meine Schwiegertochter Maya, und auch bei den Enkelkindern geht es mit M weiter.

… den Weg ins Lokal: Wirt zu werden war eigentlich der Wunsch von meinem Mann. Es war nicht von Anfang an mein Traum. Ich habe ihn unterstützt, zuerst beim ersten Lokal und dann auch beim MMM. Aber irgendwann ist das in mein Blut gekommen: mit Leuten reden, arbeiten, da sein. Heute ist das mein Leben.

… Big Mama: Viele Studentinnen und Studenten kommen zu mir. Ich sage immer, ich bin hier wie eine Big Mama. Ich habe viele Kinder. Sie respektieren mich, ich respektiere sie. Wenn große Gruppen kommen, zum Geburtstag oder zum Abschied, dann weiß am Ende jede:r, was getrunken wurde. Ich vertraue den Leuten, und es passt.

… die Gäste: Viele sagen, sie kommen wegen mir. Wenn ich einmal nicht da bin, fragen alle: Wo ist Svetlana? Ich bin fast jeden Tag hier, ohne Ruhetag, ohne Feiertag. Manchmal komme ich ein bisschen später, aber am Abend bin ich immer da. Das Lokal lebt davon, dass man sich kennt und dass die Leute sich willkommen fühlen.

… Karaoke und Live-Musik: Mittwoch ist bei uns Karaoke. Freitag, Samstag und Sonntag gibt es Live-Musik. Freitag und Samstag ab 21 Uhr, Sonntag ab 16 Uhr. Die Musik ist viel aus der Jugo-Community, aber bei uns gibt es keine Grenzen: Kroatien, Serbien, Mazedonien, alle zusammen. Politik hat im Lokal nichts verloren.

… Sonntagessen: Am Sonntag koche ich selber, und das Essen kostet nichts. Da kommen Stammgäste, aber auch Studentinnen und Studenten. Ich koche, was gerade passt: Bohnensuppe, Sarma, Gulasch oder manchmal auch Schnitzel auf meine Art. Das ist viel Arbeit, aber ich mache es gern.

… Rakija: Rakija ist Medizin. Einer, nicht mehr. Unser Rakija kommt aus Serbien, und für mich ist das etwas Natürliches. Šljivovica ist Zwetschkenschnaps, und aus unserer Ecke kommt sehr guter. Natürlich sagen andere auch, ihrer ist der beste – aber wer weiß das schon?

… die Fotos im Lokal: Im Lokal hängen viele Fotos von Gästen, früheren und heutigen. Das war schon früher so. Ich habe eine Wand mit alten Fotos gelassen und mache jetzt auch eine neue Wand mit meinem Mann, meiner Familie und den Gästen von heute. Viele fragen schon: Wann kommt mein Foto?

… die Haltung: Bei uns gibt es keine Politik und keine Grenzen. Die Leute sollen zusammenkommen, Musik hören, trinken, essen, feiern und sich wohlfühlen. Das MMM ist nicht groß, aber es hat Platz für viele Geschichten.

Retro? Original!

Seit Herbst 2025 bereichert das BISTRO FLAMEAU im Fasanviertel eine ansonsten eher ruhigere Ecke Erdbergs. Alina und Florian haben das urgemütliche Beinahe-Vorstadt-Eckbeisl behutsam und liebevoll umgebaut und man hat fast den Eindruck, dabei alles anders gemacht als in Florians früherem Wirkungskreis, dem Café Kriemhild: die Decke bleibt abgehängt, die Karte leistbar, es gibt Stammgäste aus der Nachbarschaft.

Gut, es gibt auch Pierogi und der Schinken-Käse-Toast kommt hier als dunkles Sandwich mit selbst gekochter Zwiebelmarmelade und Chipotle-Mayo daher. Und neben Grieskirchner Bio-Pils vom Fass gibt es auch Naturweine. Aber wer mag, kann auch ganz klassisch mit Rüscherl abstürzen. Und Eismarillenknödel vom Tichy gibt es auch.

Der Name kommt übrigens von Flo’s Großeltern, die ihn heute noch fragen: Hast einen Flamot? – hast einen Hunger?

Alina und Flo über…

… das Bistro Flameau: Wir sind Alina und Flo und führen gemeinsam das Bistro Flameau. Seit Oktober 2025 sind wir hier. Flo wollte schon lange ein eigenes Lokal aufmachen, und ich bin dann ein bisschen mit hineingwachsen. Es war immer dieses große Ziel: ein eigenes Lokal finden, finanzieren, machen. Gleichzeitig wollten wir nichts zu Großes, sondern einen Ort, der überschaubar bleibt und zu uns passt.

… die Location: Als wir das Lokal zum ersten Mal angeschaut haben, war ich zuerst skeptisch, weil der Weg nicht ideal gewirkt hat und keine U-Bahn direkt in der Nähe ist. Aber dann sind wir hineingegangen, und sehr schnell war klar: Das ist eigentlich genau das, was Flo die ganze Zeit beschrieben hat. Die runde Bar, die Nischen, die Fensterplätze – das Lokal hatte sofort einen eigenen Charakter.

… gute Plätze: Was mir besonders gefallen hat: Bei uns gibt es nicht die guten und die schlechten Tische. In vielen Lokalen merkt man sofort, welche Plätze eigentlich die schönen sind und welche eher übrig bleiben. Hier ist jeder Tisch irgendwie gemütlich. Man sitzt am Fenster, in einer Nische und ist immer ein bissel für sich. Das war für uns ein wichtiger Punkt.

… das Konzept: Unsere wichtigste Beschreibung ist: ein Lokal, in das wir beide selbst gerne gehen würden. Danach richten wir eigentlich viele Entscheidungen aus. Es soll qualitativ sein, gemütlich, nicht steif. Man muss sich nicht herrichten oder irgendeinen Dresscode erfüllen. Man darf einfach da sein, Zeit verbringen, gut essen und gut trinken.

… Küche und Getränke: Wenn man es einordnen will, ist es eine Mischung aus Beisl und Heurigenküche mit einem moderneren Touch. Dazu kommt eine vielfältigere Getränkeauswahl und ein Schwerpunkt auf Wein. Beim Wein geht es uns weniger um große Marken, sondern um handwerklich gut gemachte Weine, oft biologisch und von Produzent:innen, hinter denen wir stehen können.

… das Cheese Sandwich: Unser Signature Dish ist wahrscheinlich das Cheese Sandwich. Das war eines der ersten Dinge, die wir hatten, und es wird auch bleiben. Man könnte natürlich sagen, es ist ein Käsetoast – aber bei uns steckt in jeder Zutat ein bisschen mehr. Wir verwenden ein sehr dunkles Brot von der Bäckerei Grimm, Bergkäse, selbst gekochte Zwiebelmarmelade und Chipotle-Mayo, die wir selbst anrühren. Zusammen ist das dann mehr als nur ein Toast.

… Gemütlichkeit: Gemütlichkeit passiert nicht zufällig. Viele Leute merken nur, dass sie sich wohlfühlen, ein Getränk bestellen, noch eines trinken und am Ende viel länger bleiben als geplant. Aber dahinter steckt viel Arbeit: Licht, Musik, Sauberkeit, Akustik, Materialien, die richtige Stimmung. Wenn etwas davon nicht passt, fällt es sofort auf. Wenn es passt, wirkt es ganz selbstverständlich.

… den Umbau: Wir haben mehr gemacht, als man vielleicht auf den ersten Blick sieht. Die Bänke wurden neu überzogen, die Bar und vieles im Lokal neu gemacht, alte Elemente aber bewusst erhalten. Uns war wichtig, dass es frisch, sauber und stimmig wird, ohne den Charakter zu verlieren. Manche Arbeiten waren extreme Detailarbeit, die man später kaum sieht – aber genau solche Dinge machen am Ende die Atmosphäre aus.

… Akustik und Musik: Uns war wichtig, dass man sich gut unterhalten kann und die Musik trotzdem gut klingt. Deshalb haben wir viel Stoff und Holz im Lokal, und die abgehängte Decke ist geblieben. Es soll nicht nur cool aussehen, sondern auch funktionieren. Wenn man später länger offen hat oder DJs da sind, muss die Akustik trotzdem angenehm bleiben.

… ihre Rollen: Flo kommt stärker aus der Gastronomie. Er hat in verschiedenen Lokalen gearbeitet, unter anderem in Serviceleitung und in Weinbars, und dort viel gelernt. Ich komme eher aus dem Social-Media- und Kreativbereich. Dadurch ergänzen wir uns gut. Flo bringt viel Gastro- und Weinwissen mit, ich kümmere mich stärker um Gestaltung, Instagram, Logo, Interieur, Lichtstimmung und solche Dinge.

… die Zusammenarbeit: Am Anfang war gar nicht ganz klar, wie stark ich involviert sein werde. Es war lange Flos Traum, und ich wollte ihm nicht auf die Zehen steigen. Irgendwann haben wir aber gemerkt, dass wir beide wollen, dass ich voll dabei bin. Viele Bereiche haben sich dann sehr natürlich aufgeteilt. Wir stehen beide im Lokal, machen beide Schichten, aber jede:r bringt andere Stärken ein.

… den Namen: Flameau kommt von „Flamot“, also Hunger auf Wienerisch. Das kenne ich aus der Familie. Wenn ich zu meinen Großeltern gehe, kommt so etwas wie: „Hast du einen Flamot?“ Für uns hat der Name gut gepasst, weil er etwas Wienerisches hat, aber auch einen französischen Klang. Er ist persönlich, bleibt hängen und fühlt sich für das Lokal richtig an.

Beislgefühl

Dass es die Stadtbahnbögen schon länger gibt als die U6, dokumentiert die GLASHÜTTE. Das original Wiener Beisl umgibt die Patina der 1960er-Jahre: Resopalgrüner Plafond mit Holzbalken, gemusterte Fliesen, Vollholz-Schank. Obwohl betagt, ist das Interieur blitzsauber, und das liegt an Kati und Reinhard.

Die Vollblut-Gastronom:innen betreiben die Glashütte seit 2019 mit Hingabe. Alle sind willkommen, jede/r wird aufmerksam serviciert, der Professor soll sich ebenso wohl fühlen wie die Frauenrunde zu später Stunde. Dieses Beislgefühl braucht keinen Trend – und wird so wieder zu einem.

Kati und Reinhard über…

… die Glashütte: Wir sind Kati und Reinhard, die Besitzer der Glashütte, und seit 35 Jahren mit Begeisterung in der Gastronomie. Die Glashütte haben wir 2019 übernommen – also zur „besten“ Zeit, mit Rauchverbot und Corona. Trotzdem sind wir durchgetaucht und seitdem eigentlich im Aufschwung.

… das Lokal: Die Glashütte ist ein originales Wiener Beisl. Das Lokal ist aus den 60er-Jahren, und die Einrichtung ist noch immer original. Genau das soll auch so bleiben. Wir haben nur behutsam adaptiert, was nötig war. Die Patina, das Flair, die alten Fliesen, das Olivgrün – das macht den Charakter aus.

… Service: Ein Beisl verkauft nicht nur Getränke, sondern Gemütlichkeit. Man muss schauen, wer etwas braucht, wer schon länger mit leerem Glas dasitzt, wo man zuhören muss und wo man einfach da ist. Das macht den Service aus. Wenn ein Lokal für die Gäste ein zweites Wohnzimmer wird, dann hat man es geschafft.

… das Beislgefühl: Für uns bedeutet Beisl Gemütlichkeit und Familiarität. Jemand kommt in der Früh herein, ist zuerst fremd und geht als Freund wieder hinaus. Es ist egal, ob jemand Student ist, arbeitslos, Professor, Banker oder sonst etwas. Bei uns zählt der Mensch. Die größte Bestätigung ist, wenn sich alle miteinander verstehen und gerne wiederkommen.

… die Küche (Reinhard): Ich habe eine klassische Gastro-Ausbildung begonnen und dann mit einer Lehre abgeschlossen. Mir war immer die bodenständige Wiener Küche wichtig. Ich koche zu bestimmten Anlässen gern traditionelle Gerichte, auch solche, die heute fast in Vergessenheit geraten sind – zum Beispiel ein’brennte Hund (Dill-Erdäpfel mit Einbrenn) oder Bäuschel.

… Gastgebersein: Wir sind Gastgeber, aber auch Entertainer, Zuhörer, Ratgeber und manchmal Fürsprecher. In einem Beisl muss man spüren, was gerade gebraucht wird. Es gibt Themen, die wir lieber auslassen, etwa Politik oder Religion. Wir reden lieber über etwas Schönes, Lustiges oder Zeitgemäßes, wo möglichst alle mitreden können.

… Gäste als Freunde: Mit der Zeit entstehen aus Gästen echte Freundschaften. Das ist auch das, was einen weitermachen lässt. Gastronomie macht man nicht nur wegen Geld. Man muss es wollen, mit allen Höhen und Tiefen. Die Leute spüren, ob man mit Herz dabei ist. Für uns ist die Glashütte eine kleine Welt, in die man gerne Freunde einlädt.

… die Bühne: Wenn man das Lokal aufsperrt, betritt man eine Bühne. Auch wenn man privat einen schlechten Tag hat, muss man für die Gäste da sein. Man geht in eine andere Welt. Die Glashütte ist für viele eine kleine Oase, ein Ort, an dem man sich wohlfühlt und den Alltag kurz draußen lassen kann.

… neue Gäste: Natürlich wird man in einem Beisl einmal gemustert, wenn man fremd hereinkommt. Das gehört irgendwie dazu. Aber dann wird man aufgenommen. Wir schauen darauf, dass alle ihren Platz finden und dass die ungeschriebenen Gesetze funktionieren. Jeder hat die gleichen Rechte, egal ob Stammgast oder neuer Gast.

… Frauen im Beisl: Worauf wir wirklich stolz sind: Bei uns können Frauen allein oder gemeinsam kommen, ohne belästigt zu werden. Das war früher in der Glashütte nicht selbstverständlich. Heute wissen unsere Gäste: Wenn jemand eine Grenze überschreitet, ist immer jemand im Hintergrund, der sagt: Jetzt reicht’s.

… die Linie: Bei uns ist die Linie klar gezogen. Man kann lustig sein, aber man darf nicht dumm sein. Lustig sein mit Maß und Ziel – dafür stehen wir. Wenn jemand sich nicht benimmt, gibt es zuerst eine zweite Chance. Aber wenn es reicht, dann reicht es. Dann gibt es auch Lokalverbot. Bei uns soll sich niemand anschnorren, anpöbeln oder belästigen lassen müssen.

… Veranstaltungen: Wir machen immer wieder Live-Musik und Veranstaltungen. Silvester feiern wir besonders gern, fast wie eine Großfamilie. Wer feiern will, kommt vorbei, und dann geht es bis zum bitteren Ende. So schließen wir das Jahr gemeinsam ab.

Familie zum Aussuchen

In VIKI`S PUB – SO ODER SO kommen auch Tourist:innen – angelockt von Google oder der KI. Was sie hier finden, ist ein Wiener Original: ein Tschocherl, wo sich die Stammgäste auch schon mal selbst ihr Bier zapfen, wenn Viki gerade beschäftigt ist. Sie kommen abends auf ein Feierabend-Getränk, treffen sich in Viki’s Wohnzimmer, man kennt sich. Wer aber glaubt, als Neuling eine exklusive Runde zu stören, der irrt.

Jede/r sei willkommen, betont Viki, das ist ihr sehr wichtig. Und weil ohnehin alle wegen Viki kommen, funktioniert das auch. Familie kann man sich nicht aussuchen, heißt es. Viki schon. Dazu gibt es Soletti, Oliven und Knoblauchaufstrich vom alteingesessenen Greissler Gromes nebenan. Klassische Wohnzimmerkost eben. 

Viki über…

… ihr Pub: Ich bin Viki und betreibe ein kleines Beisl in Wien. Für mich ist das hier nicht einfach ein Job, sondern mein Leben. Ich bin seit zwölf Jahren hier und habe mir in dieser Zeit wieder eine Familie aufgebaut – so, wie es früher in kleinen Lokalen normal war. Jeder kennt jeden, jeder ist für jeden da.

… das Beislgefühl: Ein Beisl ist für mich ein Ort, an dem Leute zusammenkommen, die sich vielleicht noch nie gesehen haben, und einfach miteinander zu reden anfangen. Daraus entstehen manchmal Freundschaften, manchmal sogar Beziehungen. Ich habe hier schon einige Pärchen zusammengebracht, bei manchen sind mittlerweile Kinder da. Wien ist für mich sowieso ein Dorf. Manchmal treffen sich hier Menschen zufällig wieder, die einander seit 20 Jahren nicht gesehen haben.

… die Gäste: Ich glaube, die Leute kommen gerne zu mir, weil sie so sein dürfen, wie sie sind. Bei uns zählen nicht das Geschlecht, das Bankkonto oder die Herkunft, sondern der Mensch und der Charakter. Jede Nationalität ist willkommen, jede Vorliebe, jede Art zu lieben. Wir hatten auch schon Gruppen mit blinden Menschen da oder Gäste mit schwer beeinträchtigten Angehörigen. Bei uns ist einfach jede:r Teil der Familie.

… Tourist:innen: Auch Tourist:innen spüren das. Viele kommen wegen der Google-Bewertungen oder weil sie zufällig vorbeigehen. Wenn sie länger in Wien sind, kommen sie dann oft gleich mehrmals, weil sie sich aufgenommen fühlen. Hier redet jemand mit ihnen, hier wird gemeinsam getrunken, gelacht und manchmal auch geweint.

… das Wohnzimmer: Viele sagen, sie suchen genau so ein Lokal: nicht gesteckt voll, nicht immer laute Musik, sondern mit Wohlfühlfaktor. Natürlich ist es bei uns auch manchmal lauter, aber man ist eingebunden, wenn man das möchte. Und wenn jemand seine Ruhe will, ist das auch okay. Manche kommen, schlagen den Laptop auf und arbeiten. Wir haben WLAN, man kann Essen mitbringen oder bestellen. Für mich ist das hier ein Wohnzimmer.

… Offenheit: Bei mir darf jede:r so sein, wie er oder sie ist. Wenn zwei Männer ein Paar sind, dürfen sie sich hier genauso küssen wie alle anderen. Wenn das jemandem nicht passt, muss er nicht hinschauen. Und wenn es ihm noch immer nicht passt, kann er gehen. Das ist nicht böse gemeint. Aber jeder Mensch soll akzeptiert werden, wie er ist.

… Familie: Ich hatte selbst nie so ein richtiges Familienleben. Deshalb habe ich immer gesagt: Wenn ich einmal Wirtin bin, dann wird das meine Familie, die ich selber nie hatte. Und ich glaube, ich habe das geschafft. Wenn ich im Jänner zusperre und zurückkomme, sagen Nachbarn und Geschäfte rundherum: Endlich bist du wieder da, jetzt lebt die Straße wieder.

… Nachbarschaft: Wir helfen einander. Ein Nachbar fragt, ob ich einen Wohnungsschlüssel aufpassen kann. Jemand braucht Werkzeug, mein Mann ist technisch begabt, also helfen wir. Wenn ich etwas ausdrucken muss, hilft mir jemand gegenüber. Wenn ich allein bin und ein Fass brauche, schnappe ich mir zwei Jungs und wir holen es gemeinsam. So funktioniert das hier: leben und leben lassen, miteinander statt gegeneinander.

Auf gute Nachbarschaft: Viki und die
Greissler Gromes, zwei Generationen.

Grätzldudes

Stefan ist ein Surfdude und Wien hat kein Meer – deshalb gibt es das LANDLOCKED: eine Mischung aus Grätzlcafé, Shop für Surfklamotten und Sehnsuchtsort für die Surf-Community. Für das Design von Shop, Café und Kleidung zeichnet Stefans Partnerin Sophie verantwortlich, die ebenfalls surft. Auf der Karte stehen kleine Gerichte, Brunch, Kaffee und eine solide Getränkekarte. 

So weit so gut. Was das Landlocked aber nahezu einmalig macht, ist die Funktion als Grätzl-Treffpunkt. Als hätte das Lokal nur auf Stefan & Sophie gewartet. Der Dude schwärmt weiterhin vom Surfen und tobt sich mittlerweile am Meer der Wiener aus – dem Neusiedlersee. Aber er ist auch ein leidenschaftlicher Wirt. Und das merkt man einfach.

Stefan über…

… sich: Ich komme ursprünglich aus der Fotografie und war jahrzehntelang selbstständig. Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass noch einmal etwas Neues kommen darf. Surfen, Windsurfen und Wellenreiten begleiten mich schon ewig, und auf Reisen habe ich immer wieder Orte gesehen, die mehr waren als nur Cafés: halb Treffpunkt, halb Shop, halb kultureller Raum. Genau so etwas wollte ich nach Wien holen.

… das Konzept: Landlocked ist aus dieser Idee entstanden. Der Name beschreibt ziemlich gut, worum es geht: das Lebensgefühl von Menschen, die vom Meer abgeschnitten sind und trotzdem ständig in diese Richtung denken. Diese Sehnsucht schwingt hier mit – nicht nur bei uns, sondern auch bei vielen Gästen. Gleichzeitig sollte das Lokal nie nur ein Nischenort für Surferinnen und Surfer sein. Es sollte auch ein Grätzelcafé werden, ein Raum für Begegnung, für kleine Konzerte, Lesungen, Ausstellungen und gute Gespräche.

… das Lokal: Die passende Location zu finden, war nicht leicht. Viele Erdgeschoßlokale stehen zwar leer, sind aber in einem Zustand, der wirtschaftlich kaum zu stemmen ist. Diese Ecke hier war am Ende ein Glücksfall. Das Lokal hatte eine ziemlich wilde Vorgeschichte, wurde aber vom Eigentümer mit viel Liebe und Aufwand saniert. Wir konnten uns dann auf die Atmosphäre konzentrieren: Möbel mit Geschichte, Fundstücke von Flohmärkten und aus Willhaben, eine Bar von Freunden, gutes Licht und ein Raum, der nicht geschniegelt, sondern lebendig wirkt.

… die Gäste: Heute mischen sich hier ganz unterschiedliche Leute. Die Surf-Community kommt genauso wie Nachbarinnen, Familien vom Park gegenüber oder Menschen, die einfach gern an einem kleinen Ort sitzen, an dem noch miteinander geredet wird. Genau diese Mischung war die Idee. Landlocked soll kein Themenpark sein, sondern ein echter Ort.