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Würstler:in
Mike Lanner ist in Wien eine sichere Ba…

Würstler:in

Mike Lanner ist in Wien eine sichere Bank für Projekte, wo zunächst alle den Kopf schütteln. Der WIENER WÜRSTELSTAND ist auch so eines: Bio-Imbiss, Musiklocation und gesellschaftliches Experiment zugleich. 2019 aus einer „Schnapsidee“ geboren und umgesetzt – lange vor der Renaissance als Weltkulturerbe. Zunächst übernimmt Mike als selbst ernannte Würstler:in den ersten Stand in der Pfeilgasse. 2023 kommt der zweite Standort bei der U4-Station Spittelau dazu. Dort wird inzwischen an bis zu fünf Abenden pro Woche aufgelegt oder live gespielt.

Auch bei der Wurst geht Mike weiter als andere: Das Bio-Fleisch kommt direkt von zwei Bauern, darunter der Schreckbauer aus Mikes Salzburger Heimat. Von Anfang an dabei: das vegane Bio-Austernpilzwürstel, gemeinsam mit den Wiener Stadtbauern von Hut & Stiel entwickelt. Es steckt unter anderem in der veganen Bosna, die längst zu den beliebtesten Produkten zählt.

Ziel war und ist es, den „hypermaskulinen Schweinefleischpalast“ von einst für Menschen zu öffnen, die sich dort bisher nicht willkommen fühlten – mit veganen Angeboten, FLINTA-Acts und Awareness-Arbeit.

Mike über…

… sich: Mein Name ist Mike Lanner und ich bin Würstlerin in erster Generation. Ich bin gebürtiger Salzburger, zum Studieren nach Wien gekommen und hier hängengeblieben. Ich bin seit über 20 Jahren selbstständig und habe schon alles Mögliche gemacht. Seit 2019 bin ich Würstler:in.

… seine Vorgeschichte: Was sich durch meine unternehmerischen Tätigkeiten zieht, ist eine ökosoziale Tangente. Ich habe davor Gebrüder Stitch gemacht, Bio-Jeans „made in Vienna“. Im Zuge dessen haben wir auch die Vollpension gegründet, bei der es darum geht, pensionierten Frauen sinnstiftende Tätigkeiten zu geben. Und ich habe Zum Gschupftn Ferdl betrieben, einen Bio-Bobo-Heurigen mit Musik. Diese Kombination aus guten Speisen und Getränken, Musik und dem Zusammensitzen mit Leuten, die man nicht kennt, hat mir immer gefallen.

… das Ende seiner ersten Gastro-Karriere: 2016 hatte ich ein Burnout und habe zwei Jahre gar nichts gemacht. Danach war mir klar, dass ich wieder selbstständig sein möchte. Gleichzeitig hatte ich mir geschworen: nie wieder Gastro. Beim Gschupftn Ferdl ist oben viel Geld reingepurzelt und unten nichts mehr rausgekommen. Ich hatte mir den eingebrockt und wollte ihn ausbauen. Daran bin ich mental fast zerbrochen.

… die Schnapsidee: Zwei Jahre später habe ich darüber nachgedacht, dass es immer weniger Würstelstände gibt und das eigentlich niemanden interessiert. Gleichzeitig ist der Würstelstand ein niederschwelliger, barrierefreier Platz im öffentlichen Raum. Das finde ich cool. Dazu kam noch die Bio-Tangente. Ich habe meinem Freund Stevie Sengl davon erzählt, und wir haben gegoogelt, wo man einen Würstelstand kaufen kann.

… den ersten Stand: Wir haben den Vorbesitzer in der Pfeilgasse getroffen, und zwei Monate später hat uns der Würstelstand gehört. Ursprünglich wollten wir nur die Marke und das Sortiment entwickeln und uns um die Lieferantinnen kümmern. Eine Gastronomin sollte den Stand für uns betreiben. Wir haben aber niemanden gefunden. Irgendwann habe ich gesagt: Ich werde jetzt für sechs Monate Würstlerin, sperre den Stand auf und schaue, wie es geht. Jetzt sind mehr als sechs Jahre vergangen.

… seine Würstel: Wir haben drei Jahre lang versucht, Würstel nach dem Motto „Weniger ist mehr“ zu produzieren. Es sollten nur Gewürze, Salz, Wasser und Fleisch drinnen sein und sonst nichts. Wenn du dir im Supermarkt ein Wurstpackerl anschaust, findest du oft mehrere E-Nummern, Zucker, Nitrit, Phosphat und alles Mögliche. Wir waren schon immer biozertifiziert, wollten aber noch eines draufsetzen. Daran haben wir wirklich drei Jahre lang herumgeschissen. Alle Fleischer haben gesagt, das geht nicht.

… die Fleischproduzenten: Am Ende sind wir in der Wertschöpfungskette immer weiter nach vorne gegangen und haben begonnen, selbst wursten zu lassen. Heute haben wir nur noch zwei Fleischlieferanten. Das sind Bauern und Bio-Fleischproduzenten, die sehr konsequent arbeiten, mit Schweinemast auf der grünen Wiese, eigener Zucht und eigenem Futteranbau. Der eine ist unser Bio-Saubauer Andreas Seiser aus Ternitz. Der Schreckbauer aus Bischofshofen macht unter anderem Rind, Bio-Wagyu, Pute und Lamm.

… kantige Ideen: Ich brauche Projekte, bei denen sich die Leute an den Kopf greifen und sagen: Das ist völlig gestört. Bei Gebrüder Stitch war es genauso. Zu einer Zeit, in der die Textilindustrie längst aus Österreich abgewandert war, haben wir gesagt: Nein, wir produzieren nachhaltige Jeans in Wien. Beim Würstelstand war mir Bio irgendwann auch nicht mehr genug. Dann kam das vegane Thema dazu, und inzwischen beschäftigen wir uns besonders intensiv mit sozialen Fragen.

… den hypermaskulinen Schweinefleischpalast: Wir stecken viel Energie in die sozialen Aspekte und wollen möglichst vielen Menschen das Gefühl geben, dass sie am Wiener Würstelstand willkommen sind. Das bedeutet, ein Stück weit wegzugehen vom hypermaskulinen Schweinefleischpalast und den Würstelstand für andere Menschen zu öffnen. Wir haben ein FLINTA*-Musikfestival gemacht und arbeiten an weiteren Formaten. Wir wollen Menschen hierherbringen, die sich an einem klassischen Würstelstand sonst nicht unbedingt wohlfühlen.

… Safer Spaces: Safe Space würde ich nicht sagen. Wir sind bestenfalls ein Safer Space. Aber wir bemühen uns und beschäftigen uns mit Awareness-Themen. Bei großen Veranstaltungen gibt es Menschen, die sich um Erste Hilfe, Konflikte oder Situationen kümmern, die für jemanden unangenehm sind. Trotzdem passiert auch bei uns immer wieder etwas, das wir im Nachhinein besprechen müssen. Dann geht es darum, daraus zu lernen und auch zu sagen: Sorry, wir hätten in dieser Situation mehr tun können.

… eine besondere Rückmeldung: Eine Transperson war einmal eine ganze Nacht bei uns und hat nachher gesagt, dass es für sie sonst nie eine Option gewesen wäre, nachts zu einem Würstelstand zu gehen. Als Transperson macht man dort regelmäßig Gewalterfahrungen. Das muss nicht immer körperliche Gewalt sein, oft sind es zumindest depperte Sprüche. Solche Rückmeldungen zeigen uns, warum es wichtig ist, den Würstelstand bewusst zu öffnen.

… die Spittelau: Als wir 2023 aufgesperrt haben, war das hier ein Nicht-Ort: viel Beton, wenig Grün, dazu der Geruch von der Fernwärme und den Müllautos. Ich hatte trotzdem die Hoffnung, dass daraus eine Location werden kann, an der man feiern kann – ein Partywürstelstand. Gerade weil es keine direkten Nachbarinnen gibt.

… das ausbleibende Scheppern: Ich habe mir gedacht: Wir haben ein Produkt, das funktioniert, ein Klientel und eine Marke. Wir sperren hier auf, erzählen den Leuten davon, und dann scheppert es. Aber dieses Scheppern hat lange nicht stattgefunden. Die Leute sind mit Scheuklappen an uns vorbeigelaufen, und ich habe neidisch zum chinesischen Nudel- und Sushi-Stand nebenan geschaut, weil dort viel mehr los war.

… Radlgruppen und Musik: Ich habe irgendwann jeden Radlshop und jeden Radlverein in Wien angeschrieben und Spezialangebote gemacht. Das ist nichts, was von heute auf morgen funktioniert, sondern über die Zeit wächst. Genauso war es mit Live-Musik und DJ-Sets. Ich kannte die junge, alternative Wiener Musikszene nicht. Wir haben viel Energie hineingesteckt, Leute zu finden, die gesagt haben: Cool, dort spiele ich.

… den Würstelstand als Eventlocation: Mittlerweile gibt es im Sommer an bis zu fünf Abenden pro Woche DJ- oder Live-Musik-Programm. Im Winter machen wir freitags und samstags eine Art Outdoor-Rave. Wir sind wahrscheinlich ein bisschen mit dem B72 oder dem Chelsea vergleichbar. Tagsüber plätschert das Geschäft oft dahin. Abends stehen wir plötzlich zu fünft drinnen, drei oder vier Stunden lang scheppert es, und danach wird wieder abgebaut. Dieses Eventgeschäft trägt den Standort inzwischen.

… das wirtschaftliche Risiko: Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Beim Stand in der Spittelau ist der Knopf mittlerweile aufgegangen, aber davor haben wir drei Jahre lang Geld verbrannt. Obwohl sich das Geschäft heuer sehr gut entwickelt hat, sind wir liquiditätsmäßig noch immer schlecht aufgestellt. Ich würde nicht sagen, dass wir schon über den Berg sind. Ich habe immer daran geglaubt, dass dieser Standort mehr Potenzial hat als die Pfeilgasse. Wir mussten es nur aussitzen. Heuer hat es angefangen zu scheppern.

… die Arbeit am Stand: Wenn jemand kurzfristig krank wird oder wir personell knapp sind, stehe ich selbst drinnen. Das macht mir Spaß und ist wichtig, weil wir ein großes Team haben, in dem viele nur zehn bis 15 Stunden pro Woche arbeiten. Teamführung und interne Kommunikation sind eine echte Herausforderung. Da hilft es total, wenn man selbst am Stand steht und weiß, was Sache ist.

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