Zum Hauptinhalt springen

Autor: Stefan Knoll

Going nuts

Geröstete Nüsse gehören in Bulgarien als gesundes und in kommunistischen Zeiten auch leicht verfügbares Knabberzeug quasi zum kulinarischen Kulturgut. Liana Raynova lebt zwar schon seit 2007 in Wien. Doch die Sehnsucht nach dem Geschmack ihrer Kindheit wurde nicht kleiner.

Weshalb sie als LINIRA NUTS seit 2021 selbst röstet: Cashew, Mandeln, Pistazien und Co. Ohne Fett, nur leicht gesalzen oder karamellisiert. Die Nüsse und getrockneten Früchte gibt es online oder in einem kleinen, feinen Laden direkt an der fahrradfreundlichen Goldschlagstraße im 15. Bezirk – wo Liana jeden kennt und für ein Plauscherl zu haben ist. Auch wenn sie gerade röstet. Dauert eh nur 15 Minuten.

Liana über …

… ihre Motivation: Bei uns in Bulgarien gab und gibt es geröstete Nüsse zu jedem Anlass und ich habe mich immer gewundert, warum sie in Wien so wenig bekannt sind. Geröstete Nüsse sind eine Quelle für gesunde, sprich ungesättigte Fette, für Proteine und Ballaststoffe. Außerdem schmecken sie gut. Also habe ich mir gedacht: Warum nicht selber rösten?

… die Nüsse: Ich beziehe meine Nüsse direkt aus den Erzeugerländern: Cashew Nüsse aus Indien, Mandeln aus Spanien, Peka Nüsse aus den USA, Pistazien aus Griechenland oder dem Iran, Haselnüsse aus der Türkei und Macadam aus Australien. Damit ist eine gute Qualität der Produkte garantiert. Heimische Walnüsse würde ich auch gerne ins Programm nehmen, doch leider sind sie nach der Röstung nicht lange haltbar – aber ich arbeite dran :)

… die Röstung: Die Nüsse werden ohne zusätzliche Fette nur rund 10 bis 15 Minuten geröstet. Dadurch behalten sie ihren Eigengeschmack und erhalten durch die Röstaromen einen zusätzlich Geschmackskick. Ich röste direkt im Laden und die Leute können wir dabei über die Schulter schauen und die Nüsse wenn sie wollen noch warm mitnehmen. 

…  das Grätzl: Ich mag mein Grätzl und kenne viele der AnrainerInnen, weil viele schon bei mir waren. Ums Eck ist eine Schule und mittlerweile kommen die SchülerInnen beziehungsweise ihre Eltern zu mir und kaufen meine Nuss-Mischungen als gesunden Snack für zwischendurch. Ich weiß auch nicht genau, warum es zwei Jahre gedauert hat, weil Linira Nuts ja direkt am Schulweg liegt. Wahrscheinlich ist der Mensch einfach ein Gewohnheitstier – das kenne ich ja auch von mir selbst.

Wunschkonzert

Eigentlich sollte das GATTO IM MUSEUM  „Wunschtheater“ heißen. Aber weil Wirt Matthias Gasser offenbar auf ein bewegtes Leben verweisen kann – und es eine Katze gibt – heißt das neue Beisl im Grazer Volkskunde-Museum jetzt eben genau so. Ungeachtet der Tatsache, dass Küche, Produkte, LieferantInnen und eine viel bespielte Kleinkunstbühne und -garten sehr wohl belegen, dass das Leben ein Wunschkonzert ist – zumindest im Gatto.

Matthias über …

… sich: Ich habe mich schon in jungen Jahren für die Gastronomie entschieden. Nach ein paar Stationen habe ich 2023 die Chance bekommen, das Gatto im Volkskunde-Museum zu eröffnen. Der Name Gatto im Museum war einer von vielen Namensvorschlägen und mein Geschäftspartner hat sich dafür entschieden. Mein persönlicher Favorit wäre „Wunschtheater“ a la Herman Hesses Steppenwolf gewesen.

Gatto ist mein Spitzname. Den habe ich in der Schweiz von Italienern bekommen, weil ich ein Straßenkater bin ;) Und es hat auch deshalb gut gepasst, weil ich Katzen liebe. 

…selbst Gemachtes: Wir versuchen möglichst regional einzukaufen und machen fast alles selbst, wie Gnocchi, Aufstriche und Co. Jeden Dienstag gibt es frisch gebackene Lasagne mit selbst gemachtem Nudelteig.Wir legen auch einen Fokus aufs Einlegen und Fermentieren. Da es unser erstes Jahr mit Küche ist, wird sich das erst im Laufe der nächsten Monate auf der Karte bemerkbar machen. Zu erwarten sind Salzzitronen, Rumtopffrüchte, eingelegte Pilze und vieles mehr.

… Stumpf & Stiel: Meinem Küchenchef und mir ist besonders wichtig ist, dass wir möglichst alles verwerten. Bei einer Tomate trocknen wir beispielsweise die Schalen und machen daraus eine knusprige Garnitur. Der Saft eignet sich zum Klären von Fonds oder für weißes Tomaten-Mousse und das Fruchtfleisch kann man für alles verwenden. Wir kochen mit guten Produkten, verwenden klassische Rezepte, aber auch neue Zubereitungsarten.

… ehrliche Küche: Uns ist wichtig, dass wir ehrlich kochen. Was mir persönlich extrem Spaß macht, ist die Kräuter frisch aus dem Garten zu holen oder die ersten Tomaten zu ernten. Ich freue mich auch schon aufs Sirup machen mit meinen heuer eingesetzten Kräutern, also Waldmeister-, Lavendel- oder Zitronenmelissen-Sirup.

… beste LieferantInnen: Da wir steirisch/ italienisch (venezianisch) kochen, beziehen wir einige italienische Lebensmittel – vieles von einem Biobauern in Udine oder vom Thomüller. Unser Fleisch beziehen wir vom Buchberger. Unsere Desserts machen wir selber und auch das Eis werden wir in Zukunft selber produzieren, aber im Moment kaufen wir noch vom Eisbazaar – die machen großartiges orientalisches Eis mit den besten Zutaten, von Safran über Pistazie bis zu schwarzem Sesam. Die Gewürze zum Kochen beziehen wir zum Großteil von Van den Berg, der Gewürzmanufaktur aus Graz. 

… den BeWirt-Faktor: Ich liebe es, Gastgeber zu sein und Menschen eine gute Zeit zu bereiten. Das brauchen wir alle: Gute Musik, Genuss, die richtige Lichtstimmung und so weiter. Mir geht es auch darum Kleinkunst, einen Raum zu geben. Die größte Freude würde es mir bereiten, wenn mein Publikum weiterhin so durchgemischt bleibt – StudentInnen, PensionistInnen, die Mama, der Papa, PolitikerInnen oder Alternative. Ich möchte einen Ort bieten, wo jede* eine gute Zeit hat! 

Vintage Wirtshaus

Im Sommer 2022 hat das frühere Dogenhof-Team den PRATERWIRT eröffnet – und das Konzept der offenen Küche gleich mitgenommen. Wer mag, kann im Praterwirt aber nicht nur den Köchen bei der Zubereitung über die Schulter schauen. Sondern sich vorab ein regionales Gustostückel in der hauseigenen Fleischerei aussuchen.

Dazu gibt es Budweiser ohne zugesetzte Kohlensäure aus dem Kugelkopfhahn. Das geht runter wie Wasser und wird – mit etwas Glück – vom Wirt und Gastgeber Mile Palikukovski persönlich serviert. Prost!

Mile über…

… sich: Ich bin hier ums Eck beim Stadtpark aufgewachsen und im 1. Bezirk in die Schule gegangen. Dadurch kenne ich viele, die hier leben. Zwischendurch hat es mich über die Schiene Systemgastronomie in die halbe Welt verschlagen: Nach Erbil im Irak, nach China, Kanada, ich war in ganz Osteuropa unterwegs. Dort habe ich gelernt, wie man Teams aufbaut.

… die offene Küche: Der Grundgedanke der offenen Küche ist, dass die Gäste mit den Köchen reden können. Und es ist auch besser für das Arbeitsklima, weil das Küchenpersonal nicht mehr ausschließlich an den Bestellungen aus dem Bon-Drucker merkt, dass das Lokal voll ist. Bei uns fliegen keine Pfannen und es wird nicht geschimpft oder geflucht.

… die Fleischerei: Früher hatten viele Wirtshäuser ihre eigene Fleischerei, wegen der Qualitätskontrolle und der kurzen Wege. Wir verarbeiten im Praterwirt vom Hauswürstel über die Haussulz bis zum Leberkäse alles selber. Das Fleisch beziehen wir vom Schmölz aus Tulln und vom Hödl in Leasing. Das sind Familienbetriebe, die mit denselben Bauern seit Generationen zusammenarbeiten.

… das Bier: Unser Schankbier ist ein unpasteurisiertes Budweiser aus dem Drucktank. Das Besondere daran: Es wird ohne zusätzlichen CO2-Druck gezapft, perlt viel feiner, schmeckt besonders frisch und ist bekömmlicher als herkömmliche Biere. Eine ähnliche Anlage findest du in Wien sonst nur noch im Schweizerhaus. Wir wollten unbedingt so ein Bier und die Tschechen sind derzeit die einzigen, die es liefern können.

… die Branche: Es ist derzeit eine echte Herausforderung, ein stabiles Team in der Gastro aufzubauen. Viele haben nach 2020 die Branche gewechselt und dadurch konnten Leute nachrücken, die für die Gastronomie nicht unbedingt geeignet sind. Mittlerweile habe ich zum Glück rund 60-70 Prozent Stammpersonal. Bis dahin war aber auch im Praterwirt die Fluktuation hoch und ich musste meine ganze Erfahrung in die Waagschale werfen, um unsere hohen Qualitätsansprüche halten zu können. Denn für den Erfolg braucht es mehr Menschen als nur ein Führungsteam, das bei uns eh immer TOP war.

… die Leut‘: Ich hasse Büroarbeit und ToDo-Listen. Ich stehe lieber vorne und bin Gastgeber. Das war schon im Dogenhof so. Da bin ich draußen gestanden und habe die Gäste empfangen. Ich bin am liebsten bei den Leuten, beim Personal, bei den Gästen, bei den Lieferanten, bei allen gleichermaßen.

Nette Kette

Nach zwei Jahrzehnten in der Finanzbranche beschließt Mike Müllner, dass sein Berufsleben wieder mehr Freude vertragen könnte. 2020 übernimmt Mike die vomFASS Filiale im 7. Bezirk und vertieft sich in deren Produkte. Und weil die Essige, Öle, Spirituosen etc. nicht nur TOP sind, sondern auch mit Liebe zum Produkt und Respekt zur ProduzentIn hergestellt und vertrieben werden, nehmen wir erstmals eine Franchise-Filiale ins GG-Programm. 

Mike über …

… sich: Mein Großvater hatte in Klosterneuburg einen Feinkostladen und ich war als Bub immer im Geschäft. Das hat mich offenbar angetrieben, einen Aushang in der vomFASS-Filiale in der Siebensterngasse ernst zu nehmen, in der ich öfter eingekauft habe. Die beiden Geschäftsführerinnen suchten damals pensionsbedingt eine Nachfolge. Und weil ich von den Produkten immer begeistert war, wurden wir uns einig.

… die Produkte: Wir haben etwa 30 Sorten Essig, von jeder Frucht jeweils sauer-herb bis mild. Wir haben ebenfalls rund 30 native Olivenöle der höchsten Qualitätsstufen aus unterschiedlichsten Ländern im Sortiment. Die Qualität wird auch regelmäßig im hauseigenen Labor überprüft. Sehr beliebt sind auch aromatisierte Olivenöle wie unser Limonenöl. 

Auf der alkoholischen Seite haben wir sieben verschiedene Grappe, 30 Liköre, tolle Edelbrände, 14 Whiskeys, sieben Rumsorten aus der Karibik. Unser neuestes Produkt ist ein fantastischer Tequila aus 100 Prozent blauer Agave, 22 Monate in Eichenfässern gelagert.

… das Sortiment: Das Waren-Sortiment ist vorgegeben, aber ich kann aus einem sehr großen Pool wählen. Ich bin stark in die Spirituosen-Richtung gegangen, um mich ein bisschen von meinen Vorgängerinnen abzuheben. Wir machen auch Tastings. Der Vorteil für mich: Ich habe einen Hauptlieferanten, der mir Top-Produkte liefert. Und ich kann mich um diese Produkte kümmern und sie unseren KundInnen näher bringen. Mein Team und ich kennen uns mittlerweile sehr gut aus. Wir müssen oder dürfen auch alle Produkte verkosten, da ist die Zentrale sehr dahinter.

… die Zentrale: Die vomFASS-Erfinder sind ein Familienbetrieb und in Waldburg bei Ravensburg der größte Arbeitgeber. Dort steht eine riesige Essig-Erlebniswelt und -produktion. Die Essige werden bis auf wenige Ausnahmen alle selbst produziert. Die Familie Kiderlen ist sehr engagiert. In der Region Bodensee unterstützt sie Streuobstwiesen-Bauern, die Mangos für unsere Mango-Produkte kommen von Fairtrade-Bauern aus den Philippinen, um nur einige Beispiele zu nennen. 

… die Produktvermittlung: Zwei Mal im Jahr haben wir ein FranchisenehmerInnen-Treffen irgendwo in Deutschland. Im Herbst 2022 waren wir beispielsweise in der Zentrale in einem riesigen Weinkeller. Dort werden uns auch neue Produkte präsentiert, wie etwa das Antico-Olivenöl. Es stammt von bis zu tausend Jahre alten Olivenbäumen und wurde dem Senior-Chef Johannes Kiderlen in Kreta angeboten, wo er bei der Pressung vor Ort war. Er hat angeregt, dass sich die Olivenbauern der Region für größere Produktionsmengen zusammenschließen und wir haben die Sonderpressung jetzt im Sortiment. 

… Refill-Retro: Unsere Essige und Öle bieten wir in Ton-Amphoren an. Du kannst alles mit einem Löffelchen kosten und wir füllen das Wahlprodukt in wiederbefüllbare Glasflaschen ab. Unsere Spirituosen bieten wir in Glasballons oder Holzfässchen ebenfalls zum Abfüllen an. Das Refill gibt es seit 25 Jahren, damals hat noch niemand von Zero Waste gesprochen.

… der Spaßfaktor: Ich liebe die Interaktion mit den KundInnen. Denn die Produkte sprechen für sich und sind einfach genial. Qualität und Geschmack passen, du musst niemandem einen Schmäh erzählen. Daraus entwickeln sich dann tolle KundInngespräche, das macht einfach Spaß.

 

 

Willkommenskultur

Die Herrengasse im Herzen von Wien ist eine der ältesten Gassen der Stadt. Hier trifft Tradition auf Tradition – mit einem Beinschinken, dessen Ursprünge in die Kaiserzeit zurückreichen. Die THUM SCHINKENBAR ist aber nicht nur Heimat des besten Beinschinkens der Stadt (des Landes, der Welt?) – auf Wunsch im Semmerl von Joseph Brot. Bei Wirtin Julia Lutter fühlen sich Menschen einfach willkommen, ob beim schnellen Einkauf oder beim Glaserl Prosecco danach. Im Sommer ’23 wird umgebaut und alles soll noch besser werden. Na dann!

Julia über …

… sich: Ich komme aus einer Architekten-Familie und ich bin ausgeschert. Als junge Frau habe ich mich in die Gastro verzupft und bin hängengeblieben. Zwischendurch war ich jahrelang mit Kind und Hund zuhause. Dann hat mir Roman Thum die Möglichkeit eröffnet, mit der Schinkenbar wieder beruflich durchzustarten.

… die Bar: Roman hat die Thum Schinkenbar im November 2022 als Popup eröffnet und zunächst selbst geführt. Roman und ich sind schon lange befreundet und ich habe in der Bar mitgeholfen. Als er mich schließlich gefragt hat, ob ich übernehmen will, habe ich sofort zugesagt. Roman hat es mir auch leicht gemacht und mich in allen Belangen sehr unterstützt. Es wäre einfach dumm gewesen, nein zu sagen.

… den Schinken: Thum Schinken gibt es seit über 160 Jahren. Raimund Thum hat ihn 1860 nach Wien gebracht und den Prager Schinken für den Kaiser zum Beinschinken verfeinert.  Unser Schinken ist qualitativ hochwertigst, Roman legt sehr viel Leidenschaft und Knowhow in die Produktion. Ja, ein Schinkensemmerl aus dem Supermarkt ist billiger, aber unser Thum Schinken im Handsemmerl von Joseph Brot schmeckt unvergleichlich besser. Wer es ausprobiert, wird das bestätigen.

… das Publikum: Wir sind hier im Herzen von Wien und ich habe von der älteren Dame über TouristInnen bis zum jungen Hipster ein breites Zielpublikum in der Frequenzlage. Manche Leute kommen herein, weil sie Thum kennen, TouristInnen wollen einfach etwas zu essen haben. Du hast alte Tradition und das Neue, das sich hier trifft. Das macht es so spannend und lustig. Ich finde es nett, wenn hier eine alte Dame hereinkommt und wie seit Jahr und Tag 12 Tag Schinken möchte, handgeschnitten und aufgelegt, mit Kren dazu.

Was hier jetzt schon passiert: Die Leute kommen alleine und bleiben nicht alleine. Weil sie sich zusammensetzen oder ich sie als Wirtin zusammensetze und darauf achte, dass sie sich wohlfühlen. 

… Schinken/Käse: Meine Schulfreundin Minttu bietet die mit Frau Svensson in der Kettenbrückengasse tollen Rohmilch- und Hartkäse von kleinen ProduzentInnen aus Tirol und Vorarlberg an. Und – Frauenpower – wir unterstützen uns. Ich habe jetzt ihren Käse hier und es ist total nett, denn ich muss keine großen Mengen bestellen, wir machen uns das aus, sie bringt etwas vorbei und wenn wir dann Schinken-Käsetoast machen, hilft sie mir.

… Familien-Planung: Mein jüngster Bruder Fabian Lutter ist Architekt und wird den Umbau in der Schinkenbar machen, darauf bin ich unheimlich stolz. Wir wollen einen besseren Übergang schaffen zwischen Verkauf und Gastro. Wer Schinken oder Käse einkaufen möchte, soll das in Ruhe machen können. Wer sich anschließend zu einem Fluchtachterl und ein Plauscherl entschließt, wird im hinteren Teil willkommen sein.

Fabian reiht sich hier in die Familientradition ein. Mein Vater Heinz Lutter ist seit mehr als 40 Jahren Architekt. Und mein  Bruder Jonathan Lutter hat mit dem Architekturbüro KLK einige prominente Gastro-Umbauten gemacht, darunter die Mochi-Lokale. 

Soulfood zum Schlürfen

Das Shoyu Ramen im 1. Bezirk ist LiebhaberInnen von japanischen Streetfood bekannt. Seit Mai 2023 gibt es auch das Shoyu Pan in der Marxergasse im 3. Bezirk. Es geht wieder um Ramen – raffiniert gewürzte Suppen mit Hühner- oder veganen Gemüse-Fonds und Ramennudeln als Einlage –, die in Asien gerne geschlürft werden. Im Shoyu Pan gibt es auch hausgemachte Pans: süßes japanisches Backwerk aus Germteig, das mit Keksteig überzogen wird. Unermüdliche Wirtin und Seele der beiden Standorte ist Ou Dong (2.v.l.). Die Wienerin schupft ihre Läden aber freilich nicht alleine. „Ohne mein Team“, sagt sie, „bin ich nichts.“

Ou über …

… sich: Meine Eltern sind Anfang der 1980er Jahre aus China nach Österreich gekommen, da war ich sechs Jahre alt. Wir haben ein China-Restaurant aufgemacht und ich musste als Kind mithelfen, das war für mich normal. In die Gastronomie wollte ich später dann auch auf gar keinen Fall, denn Spaß hat mir das natürlich keinen gemacht.

Ich bin als junge Erwachsene zunächst ins Marketing gegangen. Zwischendurch hat mich mein Vater überredet, mit ihm ein Lokal in Bruck an der Mur zu eröffnen, das ich relativ frei gestalten konnte. Nach der Geburt meiner Kinder wollte ich dann etwas Eigenes machen. Mit einer Küche die mir persönlich schmeckt – und das sind japanische Ramen.

… Suppe für die Seele: Wir haben 2016 das das Lokal in der Seilerstätte eröffnet und ich hatte keine Ahnung, dass ich genau den Puls der Zeit damit treffen würde. Um Ramen gibt es einen Hype, aber in erster Linie ist es Soulfood. Ramen tun dir einfach gut. Du hast eine total nahrhafte Suppe und nach dem Essen hast du ein wohliges Gefühl im Magen und wirst nicht erschlagen vom Essen. In Asien schlürft man die Nudeln. Schlürfen gehört einfach dazu und intensiviert den Geschmack. Hier schmeckt es natürlich auch ohne Schlürfen (lacht).

vegane Varianten: Traditionell enthalten Ramen Fleisch. Das gibt es bei uns auch. Da ich aber selber kein Fleisch esse, haben wir viele vegane und vegetarische Gerichte. Unser Green Ramen ist vegan und eine Eigenkreation mit Shitake Pilzen, Kombu, also Seetang, mit vielen anderen Gemüsesorten. Und unser Curry mit Tofu ist mittlerweile auch vegan. Das Yaki Nasu Don ist mit Melanzani und ein traditionelles Gericht. Ich habe es etwas abgewandelt. Und das Mabo Dofu Don ist mit Tofu und ursprünglich ein chinesisches Fleischgericht, bei uns mit veganem Faschierten. 

… Team works: Für mich ist mein Team das Allerwichtigste, denn ohne Team bin ich nichts. Es gibt Zeiten, da stehen die Gäste Schlange, in der Küche brodelt es und hat eine Megahitze. Dann ist die Arbeit wahnsinnig stressig und wir reden nicht mehr viel und verständigen uns hauptsächlich mit Blicken. Jede* weiß dann, was sie* kann und worin sie* am Besten ist. Das ist echtes Teamwork, und als Wirtin bekommst du das nur, wenn du ein sehr, sehr familiäres Arbeitsklima schaffst. Wenn dann  zB eine Kollegin spontan nach Peru muss, weil der Vater krank ist, muss das möglich sein. Und wenn das Kind vom Koch länger mit Anziehen und Kindergartengehen gebraucht hat, kann er auch einmal später kommen. 

… das Hüten des Hype: Mittlerweile gibt es viele Ramen-Lokale, aber ich sehe das nicht als Konkurrenz, ganz im Gegenteil. Ich kann viel lernen von den anderen. Und es ist genug für alle da. Ich glaube, viele künftige GastronomInnen denken sich: „Was der oder die kann, kann ich schon lange“. Aber wir haben sehr, sehr viel Erfahrung mit japanischen Ramen und geben immer unser Bestes.

Design zummmmmh!

Während Corona beschließt Manuela Torres, eine kulinarische Produktlinie zu entwickeln und entdeckt eine Marktlücke bei veganen Pralinen. Manuela – selbst vegan – versucht sich im Nischen-Segment. Heute produziert die DULCERIA neben Schokoladen einzigartige Soulfood-Shots aus mehrschichtigen, mit Kakaobutter überzogenen fruchtig-herben Füllungen. Jede einzelne Praline ist ein handbemaltes und handpoliertes Unikat. Und dulceria ein Beleg dafür, dass gute Produkte kein Marketing brauchen. Oder kaum.

Manuela über …

… sich: Seit ich 16 bin, habe ich im Büro gearbeitet. Tja, und dann kamen Corona und Home Office und ich hatte Zeit zum Nachdenken. Gekocht und gebacken habe ich immer schon gerne. Und weil ich selbst seit sieben Jahren vegan lebe und bei der Recherche gemerkt habe, es gibt hierzulande noch keine veganen Pralinen und hochwertige Schokoladen, wollte ich das machen.

… die Wildcard zum Zuckerbacken: Mitten in der Umsetzung bin ich draufgekommen, dass du dafür eigentlich eine Meisterprüfung als Konditorin brauchst. Ich habe der Landesinnung meine Produkte präsentiert und eine individuelle Befähigung erhalten. So begeistert waren die vom Produkt. 

… handverlesene Unikate: Jede einzelne Praline ist ein Unikat in Handarbeit. Wir versuchen uns immer wieder an neuen Mischungen und kombinieren außergewöhnliche Geschmäcker in mehreren Schichten, etwa Kürbiskerne und weiße Kouvertüre, Peanutbutter und Jelly, Ingwer und Zartbitterschokolade. Der Überzug aus Kakaobutter wird anschließend mit Pinsel, Airbrush oder Schwamm handgefärbt und poliert.

… die wachsende Fanbase: Ich habe Kurse gemacht und Zuhause geübt und ausprobiert. die Familie und FreundInnen mussten als Testobjekte herhalten. 2022 hatten wir dann auf der Veganmania einen Stand und sind überrannt worden. Seitdem wächst die Zahl an KundInnen und StammkundInnen. Sie freuen sich auch über unsere Sondereditionen wie aktuell zum Beispiel über die Love is Love-Edition für die Pride. 

… den Preis der Freiheit: Die Selbstständigkeit ist schwierig, vor allem im Lebensmittelbereich, weil du hundertausend Auflagen und Vorschriften erfüllen musst. Aber ich würde nicht mehr tauschen wollen. Es ist einfach großartig, dein eigenes Projekt zu gestalten und zu sehen, wie gut es bei den Leuten ankommt und wie es wächst und einfach funktioniert. Das ist unbezahlbar.

Die Welt in einem Salon

Das MAGDAS Hotel und Lokal beim Prater war bereits eine Institution. Im Frühjahr 2023 hat der Caritas-Lehrlingsbetrieb den neuen Standort in der Ungargasse bezogen: Für das „Vienna City“ wurde ein früheres Priester-Wohnhaus zum Wohlfühl-Hotel umgestaltet – mit lichtem Lokal im Foyer, dessen Sichtachsen zwischen offener Küche, Innenhof-Schanigarten und breiter Fensterfront zur Straße liegen. Gabriela Sonnleitner (Bild li. mit Pauline und Jankir) schupft auch den neuen Laden gemeinsam mit ihrem Team.

Das Konzept, Menschen mit Fluchthintergrund Chancen zu ermöglichen, ist gleich geblieben. Auch am neuen Standort wurde intensiv Upcycling betrieben: zum Beispiel bei den Tischplatten aus alten Schranktüren oder bei der Bartheke aus einem alten Beichtstuhl. Neu ist die größere Mittags- und Abendkarte und noch mehr Professionalität an allen Ecken und Enden. Das Magdas ist etwas schicker und reifer geworden – und bleibt doch ein Ort der Integration für alle.

Gabriela über…

… sich: Mein erster Job war in der Tourismusagentur der Stadt Wien. Von 2000 bis 2010 habe ich die Kommunikation der Caritas geleitet, bin dann wieder in die Wirtschaft zurück. 2015 wurde ich gefragt, ob ich das magdas machen will. Und was soll ich sagen: Ich liebe es, Lokal- und Hotel-Wirtin zu sein.

… magdas Überzeugung: Magdas ist eine kleine Social Business Gruppe und hat mehrere Betriebe. Uns gibt es nur weil wir davon überzeugt sind, dass unsere KollegInnen mit Fluchthintergrund großartige Menschen sind und Österreich bereichern. Und ich denke, das gelingt sehr gut. Es ist toll, gemeinsam mit dem Team neue Standorte zu entwickeln. Wir haben mit dem Hotel beim Prater und einer kleinen Bar begonnen, wo wir Speisen und Getränke angeboten haben. In der Ungargasse haben wir jetzt ein A la Carte-Lokal mit komplett renoviertem Hotel.

… das Food-Konzept: In unserem alten Haus stand der Schriftzug „Die Welt in einem Salon“. Aufgetischt werden Gerichte aus jenen Ländern, aus denen meine KollegInnen kommen. Und das in guter Qualität und mit regionalen Produkten. Wir haben viele vegane und vegetarische Speisen und einen hohen Bio-Anteil. Wir kochen mit vielen verschiedenen Nationen zusammen und jeder bringt seine Spezialitäten ein – auch einmal was typisch Österreichisches.

… die Angst vor Neuem: Wir bilden in unserem Lokal Lehrlinge aus. Bei der Begutachtung, ob wir als Standort taugen, hat der Zuständige die Speisekarte in die Hand genommen und gemeint: „Aber damit machen Sie keine Lehrlingsausbildung.“ Er meinte die wenigen Gerichte auf unserer kleinen, feinen Karte. Wir konnten ihn dann überzeugen, dass unsere Karte oft wechselt und jeden Mittag ein neues Gericht serviert wird. Es ist manchmal herausfordernd, hierzulande etwas Neues zu machen – das zeigt auch die Diskussion über die vegane Kochlehre. Auch ich wurde von einem unserer Lehrlinge schon gebeten, wir sollten auch im magdas Lokal mehr Fleisch kochen, weil in der Berufsschule nur Fleischgerichte geprüft würden.

… Motivation zuerst, Talent später: Menschen, die zu uns kommen, müssen vor allem eines sein: motiviert. Vor einigen Jahren hat Gulet aus Somalia bei uns eine Kochlehre begonnen. Er konnte anfangs kaum ein Messer richtig halten. Und unser damaliger Küchenchef hat sich fast geweigert, ihn zu nehmen. Aber Gulet wollte unbedingt Koch werden, das war sein Lebenstraum. Wir beantragten eine verlängerte Lehre für ihn, Gulet hat sich heineingekniet und kann heute super kochen. Er hat ein bissel länger gebraucht, aber dafür sind wir da.

… Mut zur Extrameile: Wir haben viele supertalentierte junge Menschen hier. Hin und wieder tut sich jemand am Beginn aber auch schwer, und wir fragen uns, ob er/sie das auch lernen wird? Und es ist so schön, wenn wir dann erleben wie ihm oder ihr der Knopf aufgeht. Dafür brauchen wir ein tolles Führungsteam, das wir zum Glück gefunden habe. Unser stv. Serviceleiter Roland hat zum Beispiel schon im Habibi&Hawara ausgebildet und ist ein super Trainer. Wenn es dir zu mühsam ist, junge Menschen auszubilden und dabei vielleicht eine Extrameile zu gehen, bist du bei magdas nicht richtig. Wir verabschieden uns nicht sofort, wenn es Schwierigkeiten gibt.

… geben und geben: Wir sind ein tolles internationales Gastroteam mit dem kleinen Extra, dass unsere Arbeit ein bisschen mehr Sinn macht. Unser Team brennt für gutes Essen, feines Service, gutes Miteinander, aber besonders für die Menschen, die wir ausbilden.

Julianisches Kulinarium

Das Cafe ESPRESSO im 7. Bezirk braucht eigentlich keine Aufmerksamkeit mehr. Praktisch jede* kennt das Midcentury-Juwel von Julia Zerzer und Michael Novak als Frühstücks- und Abend-Cafe mit kleiner, feiner (und auch veganer) Küche.

Doch jetzt ist das Zuckerlgeschäft nebenan frei geworden. Im LOLLIPOP wird es künftig die Espresso-Küche geben, nur größer. Außerdem eine Greißlerei und die Bäckerei von Julian Lubinger, der sein Handwerk in der Spitzengastro und beim Edel-Bäcker erlernt hat. 

Julia über …

… sich: Ich bin in einem Tiroler Touristenort geboren und im Hotel der Familie aufgewachsen. Meine Mutter hat immer gesagt, „Bitte geh nicht in die Gastro“. Das hat nicht funktioniert. Mein Mann hat Medizin studiert, nebenbei in der Gastro gejobbt und ist picken geblieben. Wir haben 1999 das Wirr eröffnet und 2004 das Espresso. Das Lollipop wird voraussichtlich unser letztes Projekt sein.

… Lokal mit allem: Im Lollipop wird es alles geben – eine Greißlerei mit Gemüse, Fleisch und Fisch, fertiges Essen und die fantastischen Backwaren von Julian Lubinger. Wir werden unser Eingewecktes im Glas anbieten, diverse Saucen, Fermentiertes, Gulasch, Suppen. Für das Espresso produzieren wir die Gläser seit mehr als zehn Jahren und rund ein Drittel der Produkte war von Anfang an vegan. Die Speisen kannst du im Lollipop auch bestellen und vor Ort konsumieren. Wenn es keinen Platz gibt, nimmst du sie einfach rüber ins Espresso.

… Croissants aus Sauerteig: Julian experimentiert gerne, zum Beispiel mit Croissants aus Sauerteig, die er schon jetzt für das Espresso bäckt. Sie kommen sehr gut an. Davor war er beim Edel-Bäcker und wollte sich schon länger selbstständig machen. Im Lollipop wird er sich unter eigenem Namen einmieten. Wir können hier lokale Synergien schaffen.

… Waldviertler Blondvieh: In der Greißlerei werden wir Michis legendäre Würste anbieten. Das Fleisch kommt vom Bio-Schober aus dem Waldviertel. Der Schober hat ausschließlich frei lebende Rassen wie das Waldviertler Blondvieh. Wir werden Gemüse von den Dirndln am Feld anbieten und von Biosain am Wachtberg – alles ProduzentInnen, von denen wir schon jetzt beziehen. 

… Miteinander im 7.: Dieses Miteinander des Kleinstrukturierten ist der eigentliche Grund, warum wir das Geschäft übernehmen wollten –  Hier im 7. Bezirk wird das auch funktionieren. In den vergangenen zehn Jahren hat sich sehr viel getan, er ist international und hipp geworden. Solange sich die jungen Leute Wohnraum leisten können, bleibt das auch so. Das ist allerdings ein bissel der Knackpunkt.

 

Going for Gold

Wenn ein professioneller Goldgräber (Will) und eine Ernährungswissenschafterin (Tina) ein Lokal eröffnen, kommt das heraus: SCHNAUZER&BEAGLE ist eine Mikro-Brauerei mit hervorragenden IPAs und Pale Ales, die man nur dort bekommt. Dazu gibt es Sausage oder Veggie Rolls und gesündere Sachen mit hausgemachten, frischen BIO-Zutaten. Außerdem jeden 2. Mittwoch mal ein Pub Quiz – und aus den Hähnen fließt wie gesagt flüssiges Gold. Von alldem unbeeindruckt: Nutmeg, die Beagle-Dame.

Tina und Will über…

… ein Hobby: (Will) In Australien habe ich als Geologe nach Gold geschürft – im Untertagebau Proben entnommen, Schichtprofile erstellt und Laborbefunde analysiert. Als ich Tina auf Safari kennenlernte, war schnell klar, dass ich  nach Wien auswandern werde. Dort brauchte ich hier ein Hobby für drinnen. Also habe ich wieder mit dem begonnen, was ich schon während des Studiums gemacht habe: Bierbrauen in der Küche.

… das Gemeinschaftsprojekt: (Tina) Und ich war zunächst wenig begeistert, weil ich keine Brauerei in der Wohnung haben wollte (lacht.) Wills britischer Onkel hat ihn dann ermutigt, mit dem Brauen doch professioneller zu werden. Er hat einen Schnauzer-Hund, deshalb Schnauzer und Beagle. Zunächst war kein gemeinsames Projekt geplant. Doch dann haben wir diesen Ort hier gefunden. Und ich wollte immer schon ein Cafe oder Bistro betrieben. Also wurde es unter Gemeinschaftsprojekt.

… Nuggets: (Will) Das Schönste am Brauen ist der kreative Part. Wenn du neuen Hopfen ausprobierst, der blumige oder Fruchtaromen einbringt. Oder du überlegst, wie diese und jene Ingredienz zusammenpassen könnte. So gesehen bin ich immer noch Goldgräber (lacht). Es ist wie Schürfen nach neuen Aromen und Geschmäckern. Du optimierst und gräbst ein bisschen tiefer. Und bist gespannt und manchmal überrascht, was du alles freilegen kannst. 

Ich braue etwa zehn verschiedene Biersorten in sehr kleinen Chargen. Keine schmeckt exakt wie die andere, weshalb du immer einen einmaligen Geschmack hast. Wir brauen in kurzen Abständen, weshalb das Bier immer rotiert und frisch durch unsere Hähne fließt. Ich braue selbst und hier im Lokal, was auch nicht oft vorkommt. Wenn du unser Bier trinkst, hab ich es gemacht.

… regional: (Tina) Wir machen alles selbst, vom Fruchtsaft bis zur Aussie Sausage Roll – das ist klassisch gewürztes Faschiertes im Blätterteigmantel oder als vegetarische Variante mit Gemüse. Ich habe Ernährungswissenschaften studiert und will wissen, woher die Lebensmittel kommen und was drin ist. Deshalb verarbeiten wir nur Bio-Fleisch und unsere Zutaten sind überwiegend Bio und regional. Im Sommer beziehen wir Kräuter & Gemüse von der Gärtnerei Bach am Wiener Stadtrand. Ich würd hier niemals etwas anbieten, was ich nicht selbst gerne essen würde.

… und Lokal: (Tina) Unser Lokal liegt etwas versteckt aber es kommen viele Locals zu uns. Wir haben auch Gäste aus dem Sonnwendviertel – es ist die perfekte Spazierdistanz nach einigen Drinks. Viele junge Leute ziehen nach Favoriten, das Grätzel ändert sich langsam. Und mit dem Bus sind wir von der Mariahilfer Straße auch nur 15 Minuten entfernt. Es ist ein guter Ort.

Übersee-Regionalisten

Bio-Kaffee, fair gehandelt, per Segelfrachter verschifft und über Eichenfeuer geröstet: Das ist das Lebensprojekt von Oscar und Daniel Kravina. Die Bohnen für BRIGANTES kommen von kleinen Kaffee-Kooperativen aus Süd- und Mittelamerika. Geröstet wird nach alter Methode in der Toskana. Der ökologische Rucksack des Transports ist damit nicht viel größer als vom Greißler ums Eck. Beziehen kann man Brigantes-Kaffee zum Beispiel im ANDANTE, das ebenfalls, dem Zweck dient, nachhaltige Tradition zu bewahren und in die Zukunft zu führen.

Daniel (li., neben Annette und Kathi aus dem Team) über …

… die Anfänge: Zunächst gab es das Andante. Wir wollten einen Raum zu schaffen, eine verlängerte Küche und Wohnzimmer, um kulinarisches Erbe zu sichern. Die Oma zeigt uns, wie man Kärntner Reindling macht oder Schlutzkrapfen aus Südtirol. Authentische Gerichte, mit viel Liebe und oft mit einfachen Zutaten gemacht – altes Küchenhandwerk.

Und dann kam Brigantes. Mein Bruder Oscar hatte eines Tages die Idee, einen historischen Großsegler aus dem Jahre 1911 wieder seiner Bestimmung zurückzuführen, nämlich Waren emissionsfrei über die Ozeane zu transportieren. Denn bis in die 1920er Jahre haben Segelfrachter auf den Weltmeeren Ressourcen genutzt und nicht verbraucht. Erst mit dem Verbrennungsmotor haben wir begonnen, Ressourcen zu verbrauchen, Diese Idee fand ich „crazy“ wie genial und war sofort Feuer und Flamme. Und wenn wir schon Waren segeln wollen, warum nicht gleich einen eigenen Kaffee? Das war die Geburt des Brigantes Kaffees.   

… Übersee-Regionalisten: Wir kaufen ohne Zwischenhandel direkt von den Kaffee-Bauern. Wir zahlen den Kooperativen wesentlich höhere Preise als marktüblich.  Wir haben mit Kaffee aus Honduras und Nicaragua begonnen und auf Kolumbien und Mexico erweitert. Wir verschiffen unseren Kaffee mit der Avontuur und der  Tres Hombres, die seit 2009 regelmäßig über den Atlantik segelt und schlicht keinen Motor hat. Unser ökologischer Rucksack ist deshalb so klein wie der eines regionalen Produkts.

… die Feuer-Taufe: Geröstet wird der Kaffe in einer Rösterei in der Toskana, die noch mit Feuer röstet. Auch das ist eine sehr alte und mittlerweile seltene Methode, da heutzutage in der Regel industriell beziehungsweise in der Trommel geröstet wird und die Ergebnisse recht einfach reproduzierbar sind. Bei der Feuer-Röstung ist das Ergebnis immer in Nuancen anders, keine Charge schmeckt genau wie die andere. Hier wirkt die Kunst des Handwerks, denn ein erfahrener Tischler weiß auch, wann er die Hobel mit welchem Druck ansetzen muss.

… soziale Segel-Aspekte: Beim Segeltransport steht der ökologische Aspekt im Vordergrund. Aber für mich ist der soziale Aspekt fast noch wichtiger. Denn wenn wir ökologische Fortschritte machen wollen, müssen wir jene Menschen stärken, die sich in der Landwirtschaft, im Transport oder in anderen Bereichen engagieren. In Zeiten der Automatisierung, der künstlichen Intelligenz und Millionen arbeitsloser Menschen sollten arbeitsintensive Bereiche wie Segelfracht nicht als Nachteil gesehen werden.

… das eigene Schiff: Deshalb bauen wir seit Jahren nicht nur eine nachhaltige und soziale Kaffeemarke auf, sondern restaurieren im Hafen von Trapani auch unseren eigenen Großsegler. Künftig können wir mit unserem eigenem Schiff und der eigenen Mannschaft unseren eigenen Kaffee segeln und gleichzeitig die bestehende operative Segelflotte um 120 Tonnen erweitern.

… zurück in die Zukunft: Wir haben nicht den Anspruch, die globale Transportlogistik zu verändern. So viele Segelschiffe kannst du gar nicht bauen, um die gigantischen Mengen zu transportieren, die derzeit auf den Weltmeeren unterwegs sind. Und genau das ist das Problem: Wir transportieren zu viel, und das nur, weil es billig ist. Und das ist unsere Message, wir wollen Menschen zum verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen animieren. Wir alle können uns hinterfragen, ob wir wirklich alles brauchen, was wir so besitzen.

Kein Gschistigschasti

Ein herrlich ruhiger, großzügiger und grün umrankter Garten mitten in der Stadt, Kardinalschnitte, Schnittlauchbrot „und kein Gschistigschasti“: 2013 hat Theres das GARTENCAFE im 6. Bezirk  übernommen. Kurz darauf ist Geschäftspartner Wolfgang eingestiegen.

Die Frühstücke sind traditionell und tragen den Namen von Theres‘ Töchtern und Geschwistern. Die Leute kommen wegen des Gartens, wegen der Top-Qualität der kleinen Gerichte. Und wegen der Authentizität, die beides ist: zeitlos und aus der Zeit gefallen. Wie angenehm.

Theres über …

… Kaffeehaus statt Kaffeemaschine: Mein Ex-Lebensgefährte hat im Internet nach einer gebrauchten Kaffeemaschine gesucht und ein Kaffeehaus zur Übernahme gefunden. Und ich hatte schon vor 30 Jahren im Freundschaftsbuch meiner Nichte als Traumberuf „Kaffeehausbesitzerin“ angegeben. Also war ich mutig und hab’s übernommen. Anfangs konnte ich vieles alleine machen und meine Töchter haben ausgeholfen, wenn der Garten voll war. Nach einigen Monaten habe ich meinen Geschäftspartner Wolfgang kennengelernt, damals war er Gast.

… Kardinalschnitte und Schnittlauchbrot: Wir haben Frühstück und Mehlspeisen. Früher hatten wir Mittagstisch, das mache ich nicht mehr. Die Küche ist einfach zu klein. Es gibt einen einzigen Gast, für den koche ich immer noch täglich. Wir haben unsere kleine, feine Karte mit Salaten und Broten. Frühstücken kannst du den ganzen Tag bei uns. Mehlspeisen stehen nicht in der Karte, ich mach sie jeden Tag frisch und abhängig von der Saison. Mein Liebling ist die Mohntorte, unser Klassiker ist die Kardinalschnitte. Die geht weg wie die warme Semmel. Strudel lieben die Leute auch.

… den Garten: Gäste lieben unseren Garten. Er ist mitten in der Stadt und trotzdem hörst du die Vögel zwitschern. Verkehrslärm dringt nicht durch. Im Frühling und Sommer ist es ein herrlicher Platz zum Entspannen. die Leute genießen die Ruhe. Du kannst deinen Melange auch in Ruhe austrinken, ohne befürchten zu müssen, dass dir irgendwer die Rechnung auf den Tisch knallt, weil der Tisch gebraucht wird. Und wenn es voll ist, setzt sich halt jemand dazu.

… junge Gäste, geerdet: Anfangs hatten wir fast nur SeniorInnen hier, dann wurde das Publikum jünger und auch offener. Obwohl du bei uns kein Gschistigschasti findest, also Avocados, Panacakes oder ein anderes fancy Produkt für Instagram. Bei uns gibt es normale Österreichische Frühstücke, Buttersemmerl mit Marmelade oder zwei Eier im Glas und Schnittlauchbrot. Ich denke, wir sind so übersättigt mit allem. Die Leute kommen zu uns in den geerdeten Garten, frühstücken oder essen eine Kardinalschnitte und genießen die Ruhe. 

… ein StudentInnenleben lang: Wir haben immer wieder StudentInnen zur Unterstützung. Viele bleiben ihr gesamtes Studium lang bei uns. Woran das liegt? Wir sind ein kleiner feiner Betrieb. Jeder, der hier arbeitet, muss eine Freude daran haben, denn wir verbringen viele Stunden zusammen. Deshalb richten wir unsere Dienstpläne nach deren Prüfungen aus und gehen abends mal auf ein Eis oder machen persönliche Weihnachtsfeiern.. 

… die Frauenquote: Wir haben 80 Prozent junge Frauen und 20 Prozent Burschen als Unterstützung. Zum einen habe ich noch wenige Burschen gefunden, die ebenso gerne servieren wie in der Küche zu stehen. Das ist aber bei uns nötig, weil hier jede/r alle machen muss. Andererseits bewerben sich viel mehr junge Frauen. Und sie bleiben dann auch länger. Der Job ist hart. Du arbeitest bei bis zu 35 Grad und läufst deine Kilometer im Garten. Abends reflektieren wir dann oft gemeinsam den Tag, reden über Gäste und schwierige Situationen. Und da sind die Mädels einfach kommunikativer, denke ich. Vielleicht liegt es daran.

… ignorante Lieferanten: Als Frau bist du in der Gastronomie sehr ausgesetzt. Mit den Gästen kann ich umgehen und auch Distanz wahren, wenn es sein muss. Wolfgang unterstützt mich dabei mit Schmäh, wir sind ein super Team. Aber die Lieferanten ignorieren mich manchmal immer noch. Kommen rein und fragen, wo der Chef ist. Oder gehen automatisch zum Wolfgang und reden nur mit ihm. Und Wolfgang schickt sie dann zu mir. Diese Ignoranz ist schon sehr nervig.

… Foto-Inflation: Meine Töchter kümmern sich um Social Media. Wir haben einen Chat, Marie, Kathi, Wolfgang und ich. Wir kommunizieren täglich und dort heißt es dann: Bitte macht’s wieder ein Foto oder ein Video. Ich weiß schon nicht mehr, was ich jeden Tag fotografieren soll, also ganz ehrlich: Was soll ich jeden Tag fotografieren?